Polyamorie – viele Köche, ein Brei?

Polyamorie polarisiert. Nicht nur in Bezug auf Außenstehende und die Auseinandersetzung mit ihnen, sondern auch innerhalb der „Poly-Community“. Gibt es „die“ Polyamorie? Und sollte man sich für die eigene L(i)ebensart rechtfertigen?

Es ist ein schmaler Grat zwischen Erklärung und Rechtfertigung. Das wissen auch oder gerade Menschen, die in offenen Beziehungsstrukturen leben und sich trauen, daraus kein Geheimnis zu machen. Für viele polyamor lebende ist das Thema „Outing“ daher kein leichtes, denn plötzlich kann man sich unter Umständen in der beklemmenden Situation wiederfinden, sich rechtfertigen zu müssen. Aber ist das tatsächlich so?

„Poly-Outing“?

Wenn sogar die Rechtschreibkorrektur das Wort „Polyamorie“ nicht kennt (Polygamie dagegen schon), kann man sich vorstellen, wie schwer es Außenstehenden fallen mag, das Konzept vorurteilsfrei nachzuvollziehen. Und gerade dann, wenn sich der Outende selber noch stark im Prozess mit seinen eigenen Ängsten und etwaigen noch nicht eingestandenen Zweifeln befindet, kann er (oder sie) sich ziemlich leicht in Rechtfertigungen verirren.

Es gibt Menschen, für die ist das alles überhaupt kein Problem. Sie sind selbstbewusst und vielleicht auch dickköpfig genug, sich auch gegen große Widerstände von außen durchsetzen zu können und daraus vielleicht sogar noch viel Energie zu ziehen. Andere haben da schon größere Schwierigkeiten.

Die Vorstellungen anderer …

Es kann extrem herausfordernd sein, sich den Projektionen anderer zu stellen. Projektionen deshalb, weil es neben dem allgemeinen Unverständnis gegenüber der Polyamorie an sich auch Menschen gibt, die ihre eigenen negativen Vorstellungen darin verwirklicht sehen: „Ihr wollt doch nur fröhlich durch alle Betten hüpfen!“ – das ist einer der Sätze, die einem da schnell begegnen können. Dabei spielt das Gegenargument keine Rolle, dass man so etwas heutzutage nämlich deutlich leichter haben könnte als in polyamoren Beziehungen – die ja gerade auf einer innigen Verbindung mit (zuweilen anstrengendem) großem kommunikativen Anteil basieren.

Sodom und Gomorrha?

Man kann sich natürlich vorstellen, dass Polyamorie für manch Einen alle Alarmglocken schrillen lässt. Besonders, wenn er oder sie sich selbst Dinge nicht zugestehen kann oder will (vielleicht sogar, ohne sich dieser Dinge bewusst zu sein) und dann all die eigenen gedanklichen Phantome da hinein projiziert: Offene Beziehungen können gar nicht funktionieren. Da geht es doch nur um Sex. Das ist doch moralisch verwerflich. Und so weiter und so fort.

Wenn es nun aber die eigene Familie oder enge Freunde sind, die einem so begegnen? Was, wenn die eigenen hehren Ideale, die man innerhalb seiner Liebesbeziehung(en) verwirklichen will, einfach nicht gesehen werden? Und die eigene Vision von „grenzenloser Liebe“ mit all ihren persönlichen und gesellschaftlichen Implikationen fortlaufend zerredet oder verzerrt wird?

Polyamorie? – Aber bitte ohne Spiritualität!

Gerade in den zahlreichen Gruppen und Foren zu Polyamorie im Netz gibt es dann noch die immer wieder heiß aufflammende Diskussion über die vorhandene bzw. nicht vorhandene spirituelle Dimension des polyamoren Beziehungskonzepts.

Gibt es eine (verborgene) Wertung zwischen spirituell und nicht-spirituell gelebter Polyamorie? Das ist vermutlich eine Frage des eigenen Standpunktes – wie so oft, wenn es um Weltanschauungen geht. Es gibt die einen, für die nonmonogame Beziehungen rein gar nichts mit der Ausübung eines wie auch immer definierten spirituellen Hintergrunds zu tun hat. Und die anderen, die sich ohnehin in vielerlei Hinsicht abseits des Mainstreams bewegen und für die sich innerhalb der Polyamorie ein „größeres Bild“ niederschlägt.

Natürlich braucht jemand, der polyamor lebt, keinen „spirituellen Überbau“ dazu. Man muss nicht auf der Suche nach seinen Seelenpartnern sein und auch keine religiösen Traditionen verfolgen. Aber in einem etwas weiter gefassten, undogmatischen Sinn kann man natürlich etwas „Spirituelles“ darin sehen: Die Überwindung vom Gedanken der Trennung, der für viele „spirituell angehauchte“ zentral ist und eben auch in diesen neuen Beziehungsmodellen zum Ausdruck kommt.

Polyamorie – ein weites Feld

Wie schon Effi Briests Vater so treffend für die Liebe formulierte: „Es ist ein weites Feld“. Und überall dort, wo Grenzen verwischen und neue Wege beschritten werden, bilden sich bald Subkulturen mit ganz eigener Ausrichtung. Die Polyamorie ist ein Paradebeispiel dafür, wenn man sich ansieht, in wie kurzer Zeit sich hier neue Kategorien im Denken heraus gebildet haben. Dafür sprechen allein schon die sprachlichen Einteilungen, die man zum Stichpunkt „Polynormativität“ antreffen kann.

Sind Rechtfertigungen gerechtfertigt?

Soll man sich überhaupt zu Rechtfertigungen verleiten lassen? Gerade, wenn es einem so sehr am Herzen liegt, verstanden zu werden, scheint die Erklärungsnot oft am größten zu sein. Je emotionaler das Thema für einen ist, desto schneller lässt man sich wohl zu leidenschaftlichen Diskussionen hinreißen. Ob Rechtfertigungen gerechtfertigt sind – das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ganz so, wie es auch mit der Spiritualität ist. Man kann sich aber im Hinterkopf behalten, dass die lauten Stimmen im Außen vielleicht nur das Echo der eigenen Zweifel sein könnten und sich fragen, ob die Diskussionen mit anderen eventuell ein Spiegel der eigenen (inneren) Konflikte sein könnte.

Plädoyer für Herzensangelegenheiten

Die Suche nach Widersprüchen und den sogenannten Haken bei der ganzen Sache kann für alle Beteiligten überaus anstrengend sein und sicherlich kann man bei etwaigen Haarspaltereien das größere Ganze, wozu nämlich auch die uns verbindenden Aspekte gehören, aus den Augen verlieren.

Unsere größte Angst ist nicht, unzulänglich zu sein.
Unsere größte Angst ist, grenzenlos mächtig zu sein.
Unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, ängstigt uns am meisten. (…)

– Marianne Williamson