Die entscheidende Frage

Von Selbstverantwortlichkeit und der Rolle, die eigene Willensentscheidungen spielen … und ob manche Fragen überhaupt sinnvoll gestellt sind. – Wir präsentieren diesmal einen Gastartikel unseres lieben Freundes Rudolf Stark, dessen l(i)ebensphilosophische Überlegungen zu ganz praktischen Auswirkungen auf das (Poly-)Leben führen:

  • „Woher weiß ich denn, ob ich poly bin?“
  • „Ist ja alles schön und gut, aber ich bin scheinbar einfach nicht poly!“

Zwei markante Kernaussagen, die ich die letzten Monate sehr häufig in der Diskussion rund um Polyamorie wahrnehme. Was im ersten Moment nach einer legitimen Frage klingt (und auch ich habe mir diese vor allem in schwierigen Situationen sehr oft gestellt), bereitet mir nun zunehmend Unbehagen.

„Bin ich polyamor?“ erweckt sehr leicht den Anschein, daß Polyamorie irgendeine quasi gottgegebene, zufällige oder natürliche Grundveranlagung ist, die (manche) Menschen in sich tragen … oder eben nicht.

Ich bin mir durchaus bewußt, daß ich mit meiner Sichtweise manchen Leser vor den Kopf stoßen könnte. Gut so. Denn es ist ein heikles Thema, das so ähnlich sogar schon im Rahmen eines Gerichtsverfahrens behandelt wurde und in weiterer Folge in der englischsprachigen Polyszene für heiße Grundsatzdiskussionen sorgte: http://www.thestranger.com/blogs/slog/2015/02/23/21769208/australian-judge-polyamory-not-a-sexual-orientation

Handelt es sich bei Polyamorie also um eine Art sexueller Orientierung, die vielleicht am ehesten mit der Frage nach Bi-/Homosexualität vergleichbar wäre? Poly zu sein wäre demnach etwas Unabänderliches, vielleicht von der Natur in den Genen Festgeschriebenes. Der Richter entschied in diesem Fall anders, argumentierte aber auf exakt derselben Ebene. Wie man sein Leben lebe, sei etwas anderes als die Frage, wie jemand ist.

more hearts question

Diese deterministische Mentalität des Denkens setzt bestimmte Grundprämissen voraus. Nämlich vor allem die, daß es ein statisches ICH, irgendein fixes Grundsetting einer Person gäbe, in dem die absolute Wahrheit ihrer Selbst verborgen wäre, die es nur freizuschaufeln und dann fleißig zu verteidigen gälte. Diese Sichtweise kann gefährlich schnell dazu führen, daß wir uns als Opfer des Schicksals oder reines Produkt unserer Gene betrachten und uns dadurch in keiner Weise mehr selbst für unser Handeln verantwortlich fühlen. Eines dieser angenommenen Grundsettings betrifft angeblich unsere Art und Fähigkeit des Liebens. Exakt das ist der Punkt, der mir Bauchweh beschert.

Unsere löbliche Tendenz, als Gesellschaft Minderheiten aller Art zu schützen, führt inzwischen mehr und mehr dazu, Opferbewußtsein zu schüren anstatt aufzulösen. Freie Willensentscheidungen der Lebensgestaltung haben in Diskussionen immer öfter das Nachsehen, als wären sie kaum relevant oder zu respektieren. An seinen Entscheidungen sei man ja „selber Schuld“. Was für ein perverser Kunstgriff, Eigenverantwortung in Schuld zu verwandeln…

Wohin solche Tendenzen führen können, läßt sich auf erschreckende Art bereits an US-amerikanischen Hochschulen ablesen: http://www.nzz.ch/meinung/political-correctness-in-den-usa-hexenjagd-auf-dem-campus-ld.90416

Kein Wunder also, daß auch in der vom Mainstream umstrittenen Polyamorie, die ja an vielen elementaren Glaubenssätzen und Weltbildern rüttelt, die Argumentation in exakt diese Richtung geführt wird. „Man könne nichts dafür, so zu sein“ wirkt auf mich regelmäßig wie eine faule Rechtfertigung, um sich in der eigenen Komfortzone einzuigeln. Das entschärft kritische Fragen von Außen offenbar bequemer als ein klares: „Ich habe mich bewußt für einen Lebensstil entschieden, der bei Dir scheinbar aneckt. Das ist schade, aber solange niemand dabei Schaden nimmt, geht es Dich bei allem Respekt einen Scheißdreck an, was erwachsene Menschen in gegenseitigem Einverständnis tun.“

Dabei sind die Gründe für die Betrachtungsweisen, man sei halt poly oder nicht, so wie man halt bi-/homosexuell sei oder nicht, durchaus nachvollziehbar, da es immer wieder ähnlich auslegbare Muster im Entwicklungsprozeß gibt.

In der Bi-/Homosexualität oder eben auch bei Vorreitern der Polyamorie, treten oft recht klare definierende Momente auf. Sei es das Verlieben in, oder die empfundene Lust für das gleiche Geschlecht, alternativ das Verlieben in mehrere Menschen. Es passiert für einige von uns einfach.

Da sich Menschen im chaotischen Dschungel des Lebens gerne an bereits vorhandenen Rollenmodellen, Vorbildern und Stereotypen orientieren, erwarten sie oft ein vergleichbar einprägendes Aha-Erlebnis, das den Weg in irgendeine Richtung beziehungsweise einen Lebensstil eindeutig vorgibt – als wären wir von allen möglichen Faktoren getrieben und kaum dazu in der Lage, selbst (mit-)zubestimmen, wie wir unser Leben aktiv gestalten wollen.

Und das sorgt immer öfter, gerade auch in der Poly-Community für Leidensdruck, wenn Menschen auf der Suche nach dieser angeblich ganz klar abgegrenzten Schwelle zwischen den Polaritäten (in diesem Fall zwischen polyamor ja/nein?) im Nebel herumstochern.

future-threshold

Und tatsächlich, für oben erwähnte Pioniere scheint ein polyamorer Lebensstil oft ein Default-Zustand zu sein. Sie haben immer schon mehrere Menschen geliebt und können sich eine andere Weise ihrer Beziehungsgestaltung gar nicht vorstellen. Bei anderen hat es irgendwann Klick gemacht und ab da war alles anders.

Dieser Zugang ist verhältnismäßig leicht. Leicht insofern, als daß einem gewisse Grundsatzentscheidungen abgenommen werden, indem man durch seltsame Umstände des Lebens in Konzepte hineingeboren, oder, meist eher recht ruppig, -geworfen wird. Dafür kann man bekanntlich nichts, bald weiß man, wo man zuhause ist und beginnt, sich mit den neuen Herausforderungen und Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Es ist zu einem Teil der Ich-Identifikation geworden, wodurch sich neue Definitionen und Verhaltensregeln, wie bei Subkulturen nun einmal üblich, wie von ganz alleine ergeben.

Für viele Menschen, inklusive Meinerselbst, funktioniert das nicht ganz so simpel. Und liest man entsprechende Literatur genauer, wird man bemerken, daß Polyamorie für all die bekannten Namen der Szene meist einen ganzen Haufen Arbeit bedeutet und selten geschieht.

Klar, vor geraumer Zeit war bei mir nach einer intensiven Diskussion, auch plötzlich dieses Klick da, die Klarheit: „Ich lebe und liebe inzwischen polyamor!“ Nur der Weg dorthin war ein anderer als ein vorgegebener.

Und genau die Quintessenz dieser Erfahrung, den Auslöser für dieses HEUREKA!, möchte ich als Denkanstoß und Orientierungspunkt an Menschen weitergeben, die sich in welcher Form auch immer mit dem Thema Polyamorie beschäftigen oder damit konfrontiert werden.

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Vergessen wir das Schlagwort Polyamorie für einen Augenblick. Streichen wir sämtliche Konzepte, die wir dazu im Kopf haben. Einfach raus damit! Ich fange bei Null an und erlaube mir kurz einen Ausflug in abstraktere Gefilde.

Was im Folgenden im ersten Moment vielleicht allzu simpel klingt, ist tatsächlich genau das. So simpel, daß die allermeisten Entscheidungen des Lebens damit überprüft werden können. Ich benötige dadurch keine Ratgeber, keine externen Richtungsweiser, keine moralischen Grundsatzdiskussionen und innere, zweifelnde Machtkämpfe oder Leiden und Herzschmerz verursachende Hirnwichsereien mehr. Ich bin dadurch selbst zu meinem eigenen Leuchtturm innerer Autorität geworden, der mir den Weg auch durch die schlimmsten Untiefen und größten Krisen leuchtet.

Wie das funktioniert?

Ich treffe eine einzige, elementare Grundsatzentscheidung und all der Ballast, all der Mindfuck, beginnt sich nach und nach aufzulösen. Schluß mit dem Rumeiern, damit, hunderte Aspekte, Weltbilder und widersprüchliche Konzepte mitzudenken, die per Definition irgendwann ins Absurde führen und sich gegenseitig aushebeln.

Wird der Weg dadurch weniger steinig oder langwierig? – Ja und nein. Aber eines steht definitiv fest. Nie wieder treibe ich orientierungs- und hilflos umher und werde Spielball anderer. Selbstbestimmung statt Opferrolle wird zur Lebensgrundlage. Also ab ans Eingemachte, denn dafür muß ich für mich eben nur eine einzige Frage klären. Die allerdings bitteschön mehr als gründlich.

Was verstehe ICH ganz persönlich unter dem Begriff Liebe? Oder, etwas genauer: Welche Vision von Liebe (merke: NICHT von Interaktion / Partnerschaft / Sex) und Menschsein will ich in mir und vor mir hertragen und wie würde ich im Gegenzug gerne behandelt werden? Alle restlichen Konsequenzen ergeben sich daraus von ganz allein.

In meinem Fall lautet das so:

Ich wünsche meinem Gegenüber von Herzen alles Glück dieser Welt. Ich will, daß jeder Mensch sein gigantisches Potential frei entfaltet und in die Welt hinausgeht, um großartig zu sein. Und ich werde alles mir Mögliche tun, diese Personen dabei nach Kräften zu unterstützen, sofern sie dies wünschen. Und mit mir selbst fange ich dabei an.

Oder kurz: (Selbst-)Liebe, Menschsein und Freiheit gehen Hand in Hand, anstatt sich gegenseitig einzuschränken. Punkt. Aus. Ende.

Group of friends jumping

Worauf ich hinaus will, ist: Die paar Zeilen da oben, Liebe, Freiheit und Menschsein für sich einmal kurz, klar und mit aller Konsequenz zu definieren, als voneinander abhängige Faktoren zu erkennen und zu leben – DAS ist für mich Polyamorie in seiner grundlegendsten Form. Und das ist der einzige Maßstab, an dem ich mein Wirken in der Welt messen kann.

Alle anderen Detailfragen, zum Beispiel die nach bestimmten Beziehungsformen, mit wem ich jetzt wie oft und wann Sex habe, welche Regeln und Konzepte nun im Alltag bei Begegnungen daraus folgen … das ist mehr als zweitrangig. Für die praktischen Fragen und Hindernisse des zwischenmenschlichen Zusammenseins im Alltag kann ich gerne auch auf Ratgeber, Coachings oder die Unterstüzung von etablierten Netzwerken zurückgreifen. Aber die nervende und kraftzehrende Grundsatzfrage, ob ich denn nun poly bin oder nicht, wird schlicht hinfällig.

Tun und sein, das sind in meiner Welt zwei Seiten derselben Medaille, die sich gegenseitig bedingen und beeinflussen.

ICH entscheide, nach meinem eigenen Ideal von Liebe zu leben. Denn eines bleibt niemandem von uns erspart: Uns als vollmündige Menschen zu emanzipieren und eigene Wege, unsere eigenen Werte im Leben zu finden und immer neu zu formen, egal ob nun alleine, mit einem oder 17 Partnern.

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