PolyTalk: Von Polyamorie, Egos und Erleuchtung

Einladung zum Vortrag und Diskussion am 12. März im Dainadoo am Entenplatz, Graz.

Einige Male schon wurde uns die Frage gestellt, wie erleuchtet man denn nun eigentlich sein müsse, um polyamor leben zu können. In der Vorstellung Vieler findet sich immer wieder der Gedanke: um „wirklich“ polyamor leben und lieben zu können, müsste man auf irgendeiner Art Erleuchtungspfad schon recht weit gekommen sein – wie sonst könne man denn mit den Poly-Herausforderungen umgehen?!

Wenn mein Ego nicht wäre …

Ab und an begegnen uns auch im Coachingkontext Aussagen wie diese: „Wenn mein Ego nicht wäre, könnte ich sicher auch (besser) polyamore Beziehungen führen!“ Gerade in spirituellen oder therapieorientierten Kreisen gehört es fast schon zum guten Ton, sich irgendwie mit „Ego-Arbeit“ oder Transformationsprozessen zu beschäftigen. Und was ist dazu besser geeignet, als sich von einem oder gleich mehreren Beziehungspartnern die „Knöpfe drücken“ zu lassen?!

Irgendwie sind die nicht-monogamen und offenen Beziehungsstrukturen, die sich in unserer Zeit gerade so massiv ins öffentliche Bewusstsein bewegen, tatsächlich dazu prädestiniert, uns mit eigenen Persönlichkeitsanteilen zu konfrontieren, die sonst lieber unberührt bleiben. Polyamorie triggert auf wunderbar-schreckliche Weise alte Ängste, Eifersucht, Neid und sonstige Verhaltensmuster, die gern dem Ego zugeschrieben werden.

Und was hat das mit Erleuchtung zu tun?

Dass Polyamorie irgendetwas mit Spiritualität zu tun hat, ist überhaupt Auslegungssache und (wenn man sich u.a. in Foren und Facebookgruppen umschaut) auch immer wieder Streitpunkt. Und der Gedanke, dass man in gewisser Weise „weiter entwickelt“ sein müsse oder sollte, um alternative L(i)ebensweisen praktizieren zu können, impliziert natürlich ein (wie auch immer geartetes) Kompetenzgefälle – dem auch eine Wertung innewohnen kann.

Und da sind wir denn nun auch schon am Kern der Sache angelangt: Die Art, wie wir Liebe empfinden und sozial zum Ausdruck bringen, hängt unserer Auffassung nach sehr eng mit dem generellen Bild zusammen, das wir uns vom Menschen an sich und dem menschlichen Miteinander machen.

Rechtfertigt meine Eifersucht beispielsweise das berühmte Duell im Morgengrauen? Darf ich meine vermeintlichen Konkurrentinnen hassen (zumindest innerhalb eines kleinen emotionalen Ausbruchs)? Ist es nicht auch völlig in Ordnung, meinen Partner für mein Wohlergehen verantwortlich zu machen und ihn mit Vorwürfen zu überschütten, wenn er mich wegen seiner Bedürfnisse aus meiner gefühlsmäßigen Komfortzone heraus katapultiert? Und darf man so etwas nicht mehr fühlen oder für sich beanspruchen, wenn man zu erleuchtet ist?

… it’s PolyTalk Time again!

Am 12. März ist es so weit! Ab 19:00 Uhr treffen wir uns wieder im Dainadoo am Entenplatz und starten gegen 19:30 Uhr mit unserem Impulsvortrag und wie gewohnt anschließender Diskussionsrunde. Auch dieses Mal sind wir besonders neugierig und gespannt auf eure Meinung und Erfahrungen!

Wir freuen uns auf euch!

Veranstaltung auf Facebook (click!)

 

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Hautnah

Über die selten in Frage gestellte Verwechslung von Schmerz mit Liebe und die Innenperspektiven zu Vorurteilen gegenüber der Polyamorie.

Vor einigen Jahren sahen wir beide unabhängig voneinander erstmals den Film Closer (dt.: Hautnah), ein von Mike Nichols anspruchsvoll inszeniertes Beziehungsdrama über Sex, Unehrlichkeit und Betrug nach einem Theaterstück von Patrick Marber: Julia Roberts, Jude Law, Natalie Portman und Clive Owen spielen sich die Seele aus dem Leib, die Dialoge sind brillant, die Schauplätze in London betörend schön, die Musik von Damien Rice hat sich uns für immer eingeprägt. Darsteller und Film räumten etliche Preise ab, das Drehbuch war für den Golden Globe nominiert, Clive Owen und Natalie Portman für den Oscar.

 

Vor kurzem schauten wir uns dann den Film nochmals gemeinsam an – in der Erwartung, eine emotionale Achterbahnfahrt voller Sehnsucht, Schmerz, Begehren und Leidenschaft zu erleben. Zu unserer Überraschung geschah nichts dergleichen. Kein Liebesleid, kein Mitseufzen, gar nichts. Nach wie vor konnten wir die großartigen filmischen und schauspielerischen Qualitäten des Streifens uneingeschränkt schätzen, doch zum Drama der Protagonisten wollte sich bis zum Schluß einfach kein gefühlsmäßiger Bezug mehr einstellen. Es war ernüchternd.

„Meine Güte, warum machen die da jetzt so eine große Sache draus?“, „Sie müßten doch nur einfach mal ehrlich sagen, was sie empfinden.“, „Ja genau, dadurch werden sich jetzt garantiert alle noch viel besser fühlen!“ … so wenig wie wir uns heutzutage etwa mit den Haltungen in einem Historienschinken identifizieren mögen, in dem die Charaktere eine Liebe gar nicht erst in Betracht ziehen oder sie als unheilschwanger ansehen, weil sie nicht standesgemäß ist, so wenig konnten wir uns mit den angstgesteuerten Gemeinheiten verbunden fühlen, die wir da auf dem Bildschirm mitverfolgten.

Das Ver- und Entlieben der Figuren, ihre Macht- und Egospielchen, das qualvolle Sich-Verzehren und die autodestruktiven Handlungen aufgrund empfundener Wertlosigkeit … all das scheint im Kontext monogamer Beziehungen beinahe selbstverständlich und wird somit nur selten hinterfragt (vgl. auch Lisa Ludwigs Artikel: „Können wir endlich aufhören, Schmerz mit Liebe zu verwechseln?“)

broken heart

Das bedeutet zwar weder, daß jede Mono-Beziehung zu solchen Dramen tendiert, noch soll es keinesfalls so klingen, als wären wir über die Auswirkungen unseres Egos erhaben! Wir gehen durch unsere polyamore Philosophie vielleicht anders damit um, als uns von den gesellschaftlichen und Hollywood-Konditionierungen vorgegeben wird. Und es hat uns bewußt gemacht, daß die Poly-Weltsicht nicht eine Art schräge oder abartige Variante der herkömmlichen ist, sondern wie sehr sie diese tatsächlich erweitert.

Aus diesem Grund wollen wir mal einige der typischen Vorurteile, mit denen man sich als Poly so konfrontiert sieht, unserer Innenansicht gegenüber stellen (vgl. ähnliche Aufstellungen hier, hier und hier).

„Wenn du polyamor bist, hast du einfach den richtigen Partner noch nicht gefunden.“

Verschiedene Einflüsse (Gesellschaft, Eltern, Kirche, Filme, Songs, Gesetzeslage) geben uns vor, in welcher Art von Beziehung wir sein sollten und wie eine richtige Beziehung auszusehen hat: eine üblicherweise heterosexuelle, monogame Beziehung zwischen zwei Personen. Dahinter steckt oft die unausgesprochene Vorstellung, daß man den einen vollkommenen Menschen für sich findet, der alle unsere Bedürfnisse erfüllt, weswegen wir uns dann nach keinem anderen mehr sehnen müssen. Von diesem Standpunkt aus können polyamore Beziehungen gar keine „richtigen“ Beziehungen sein.

Aus unserer Sicht ist es nicht unbedingt fair, von jemand anderem zu erwarten, all unsere körperlichen, emotionalen, intellektuellen und spirituellen Bedürfnisse zu erfüllen. So etwas auf andere Menschen zu projizieren, kann diese hohen Belastungen aussetzen und leicht zum Ende einer Beziehung führen, weil wir rasch jemand anderen finden können, der unseren Sehnsüchten scheinbar besser entspricht. So kommt es typischerweise zur seriellen Monogamie und in Folge dann irgendwann vielleicht zur Ehe mit einem Menschen, von dem wir annehmen, daß er unseren Sehnsüchten noch am ehesten entspricht (und wenn das doch nicht der Fall sein sollte, flüchtet man sich in vielen Fällen eben noch zusätzlich in heimliche Affären.)

Wir halten es für sinnvoll, diese Erwartungshaltungen und Projektionen zurückzunehmen und selbst Verantwortung für die Erfüllung unserer Bedürfnisse zu übernehmen. So werden wir emotional selbständig. Wir verlangen nicht unbewußt, daß unser Partner alles für uns sein müßte – und müssen auch selbst nicht mehr alles für unseren Partner sein. Wir sind frei dafür, mehr wir selbst zu sein und unsere Liebe, unabhängig von begrenzenden Vorstellungen, vielen anderen Menschen gegenüber auszudrücken.

„Polyamorie bedeutet, daß du deine(n) Partner zu wenig liebst.“

In unserer Kultur herrscht die Meinung vor, daß Liebe nur begrenzt vorhanden sei. Unbewußt gibt es da oft eine quantitative Sichtweise: Ich habe im Idealfall 100 Prozent deiner Liebe; wenn du nun romantische Gefühle für einen anderen Menschen entwickelst, heißt daß, daß mir eine bestimmte Prozentzahl davon weggenommen wird. Ich bin also verletzt, weil ich annehmen muß, daß du mich nicht mehr liebst. Interessanterweise gilt diese Sichtweise im Allgemeinen für romantische Beziehungen – wenn’s um Freunde oder Familienmitglieder geht, wird das schon nicht mehr so eng gesehen.

Unsere Meinung ist, daß Liebe im Überfluß vorhanden und nicht quantitativ gemessen werden kann. Unsere Erfahrung ist, daß sich die Liebe im Gegenteil sogar vermehrt, je mehr davon wir zulassen.

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„Polyamorie ist nur was für promiskuitive Menschen, die Angst vor echter Nähe und Intimität haben.“

„Ihr seid doch nur aufs nächste sexuelle Abenteuer aus. Euch geht’s doch nur darum, mit möglichst vielen Menschen zu vögeln, weil Ihr tiefe Gefühle vermeiden wollt.“ – Wir haben aufgehört zu zählen, wie oft wir diesen Vorwurf schon gehört haben. Und er trifft sicher auf einige Menschen zu (sowohl auf Polys als auch auf Monos) … doch Polyamorie funktioniert auf Dauer nur mit einem erheblichen Ausmaß an Vertrauen, Kommunikation, Commitment, Einfühlungsvermögen, Respekt und Ehrlichkeit.

Was wir auch schon öfters gehört haben, ist die Ansicht: „Ihr habt doch einfach keine Selbstachtung … sonst würdet ihr euch ja nicht jedem an den Hals werfen“. – Tun wir auch nicht. Damit Beziehungen (egal, ob Mono oder Poly) funktionieren, braucht’s unserer Meinung nach immer einen gesunden Selbstwert. Bevor wir uns nicht selbst annehmen und lieben, ist eine Partnersuche erfahrungsgemäß eher selten vielversprechend.

Wir sind uns nicht sicher, ob Polys tatsächlich mehr Sex haben als Monos (der Tag hat für alle nur vierundzwanzig Stunden). Unsere Erfahrung ist: Ja, durch Polyamorie kann es zu sexuellen Aktivitäten mit mehreren Menschen oder Gruppensex kommen, und ja, das kann einen Heidenspaß machen – aber es geschieht im Idealfall auf eine hoch kommunikative Art und Weise, und nur mit dem Wissen und der Zustimmung aller Beteiligten und unter der Achtung und Wahrung ihrer emotionalen Grenzen … ganz ehrlich: Wenn’s nur um hemmungsloses Rumvögeln ginge – das könnte man wesentlich einfacher haben!

„Polyamorie ist nur was für Menschen, die entweder so abgestumpft oder so erleuchtet sind, daß sie keine Eifersucht empfinden.“

Niemand verlangt, daß man als polyamorer Mensch nicht mehr eifersüchtig sein dürfte. Allerdings wird großer Wert darauf gelegt, seine Emotionen nicht zu verleugnen, sondern sich verantwortungsvoll mit ihnen zu konfrontieren. Wir verstehen Eifersucht als hochintelligenten, individuellen Schutzmechanismus, der eine psychologisch folgerichtige Funktion erfüllt. Diese zu verstehen ist nicht nur möglich, sondern kann sogar spannend sein wie ein Krimi.

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Eifersucht zu vermeiden ist also nicht das Ziel – entscheidend ist, wie wir auf sie reagieren. Und das macht uns souveräner und wirkt sich meist auch auf andere Lebensbereiche aus. Was nicht heißt, daß Polys per se die besseren (Beziehungs-)Menschen wären. Mißverständnisse und Verletzungen kommen in polyamoren Beziehungen genauso vor wie in monogamen und sie können genauso in die Brüche gehen. In keinem Fall gibt’s eine Zauberformel, welche die langfristige, harmonische Beziehung garantiert. Jede Beziehung ist einzigartig wie die Individuen in ihr ihr.

Eifersucht – ein gefährlicher Cocktail

Eifersucht hat viele Gesichter. Aber was genau ist dieses Gefühl und warum scheint es die Macht über uns zu haben, und uns bei Zeiten sogar regelrecht kontrollieren zu können? Eine Spurensuche.

Eifersucht als „Echtheitszertifikat“ der Liebe

Glaube den Leuten nicht, die behaupten, niemals eifersüchtig gewesen zu sein. Sie haben in Wahrheit nie geliebt.

So sagt ein Sprichwort. Und so ist es in den Köpfen Vieler fest verankert und kaum jemals hinterfragt worden. Eifersucht gilt landläufig als eine Leidenschaft, die zwar wehtun mag, einem in Liebes- und Beziehungsdingen dafür aber einen vermeintlichen Beweis für die Echtheit von Gefühlen liefert.

Eifersucht als „Kulturgut“

Eifersucht begegnet uns in unseren Leben schon sehr früh. Zum Beispiel in Form des kindlichen Liebesneides, den Erstgeborene erfahren, wenn sie die Zuneigung der Eltern plötzlich mit Geschwistern teilen müssen.

Aber auch später noch, in den zahllosen Hollywood-Dramen und Romantic Comedies, begegnet sie uns als normaler, unhinterfragter Bestandteil unseres Gefühlslebens. Und wir empfinden Sympathie und Verständnis für die Figuren auf der Leinwand, wenn sie sich in tiefste Depression hinein steigern oder in blinde Raserei verfallen.

Dadurch scheint uns, die Eifersucht sei Teil der Liebe. Als sei es immer schon so gewesen und als könne es nicht anders sein. Man denke nur an frühere Zeiten, in denen sich Gentlemen ganz selbstverständlich und einem strengen Regelkodex folgend im Morgengrauen zum Duell gegenüber standen. Tod inklusive.

Gerade Menschen in polyamoren Beziehungen kennen Eifersucht als Faktor für Unsicherheit und Ängste. Für viele ist sie einer der größten Stolpersteine auf dem Weg, die Beziehung zu öffnen. Für monogam Lebende ist das Schlagwort Eifersucht nicht selten das beste Argument, sich nicht auf unbekanntes Beziehungsterrain vorzuwagen: „Ich könnte mir das nie vorstellen … dafür wäre ich viel zu eifersüchtig!“

Hier kommt ein häufiges Mißverständnis zum Ausdruck: Polyamorie fordert überhaupt nicht, dass man nicht eifersüchtig sein dürfe – vielmehr geht es um die Bereitschaft, die Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen.

Eifersucht als Ausrede

Eifersucht ist eine Leidenschaft,
Die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. (Friedrich Schleiermacher)

Eine andere Sicht auf Eifersucht wird möglich, wenn man sie nicht länger, so wie es unsere Gesellschaft gemeinhin tut, als Liebesbeweis legitimiert. Aber was ist sie dann?

In unseren Augen handelt es sich dabei um eine Art emotionales Phantom. Denn „die“ Eifersucht gibt es gar nicht! Stattdessen subsumiert der Eifersüchtige gleich einen ganzen Cocktail an mehr oder weniger bewusst erlebten Gefühlen und verpasst diesem höchst individuellen Gemisch dann einfach den Aufkleber „Eifersucht“.

Eifersucht als Deckmantel

Wenn jemand sagt, er sei eifersüchtig, glauben wir auf der Stelle zu wissen, wovon er oder sie redet. In Wahrheit aber fühlt jeder etwas ganz eigenes; es ist nur so, dass wir uns kollektiv auf eine Schnittmenge geeinigt haben, die wir dann Eifersucht nennen. Aber warum?

Was sich im Geheimen dahinter versteckt, hat seinen Ursprung in Angst und letztlich in mangelnder Selbstliebe. Das Etikett „Eifersucht“ wird allgemein akzeptiert und als Zeichen der Liebe umgedeutet, um sich vor dem zu schützen, was sich tatsächlich hinter ihr verbirgt.

Und in vielen Fällen ist es einfacher, diese negativ empfundenen Gefühle zu externalisieren und auf den Partner zu projizieren, anstatt sich mit den eigentlichen Ursachen auseinander zu setzen, die ihre Wurzeln bis in unsere ersten Lebensjahre zurück erstrecken.

Was die Eifersucht eigentlich verkörpert, ist Angst, die als existenziell bedrohlich empfunden werden kann, die Furcht davor, verlassen zu werden und ein tief empfundener Mangel in der Liebe zu sich selbst. Der oder die Partner sind nur die Auslöser oder Trigger, nicht aber der wahre Ausgangspunkt. Und genau deshalb kann man ihr auch nur wirklich beikommen, wenn man sich sich selber zuwendet und aufhört, die Schuld beim Gegenüber zu suchen.

Weiterführend: