Hautnah

Über die selten in Frage gestellte Verwechslung von Schmerz mit Liebe und die Innenperspektiven zu Vorurteilen gegenüber der Polyamorie.

Vor einigen Jahren sahen wir beide unabhängig voneinander erstmals den Film Closer (dt.: Hautnah), ein von Mike Nichols anspruchsvoll inszeniertes Beziehungsdrama über Sex, Unehrlichkeit und Betrug nach einem Theaterstück von Patrick Marber: Julia Roberts, Jude Law, Natalie Portman und Clive Owen spielen sich die Seele aus dem Leib, die Dialoge sind brillant, die Schauplätze in London betörend schön, die Musik von Damien Rice hat sich uns für immer eingeprägt. Darsteller und Film räumten etliche Preise ab, das Drehbuch war für den Golden Globe nominiert, Clive Owen und Natalie Portman für den Oscar.

 

Vor kurzem schauten wir uns dann den Film nochmals gemeinsam an – in der Erwartung, eine emotionale Achterbahnfahrt voller Sehnsucht, Schmerz, Begehren und Leidenschaft zu erleben. Zu unserer Überraschung geschah nichts dergleichen. Kein Liebesleid, kein Mitseufzen, gar nichts. Nach wie vor konnten wir die großartigen filmischen und schauspielerischen Qualitäten des Streifens uneingeschränkt schätzen, doch zum Drama der Protagonisten wollte sich bis zum Schluß einfach kein gefühlsmäßiger Bezug mehr einstellen. Es war ernüchternd.

„Meine Güte, warum machen die da jetzt so eine große Sache draus?“, „Sie müßten doch nur einfach mal ehrlich sagen, was sie empfinden.“, „Ja genau, dadurch werden sich jetzt garantiert alle noch viel besser fühlen!“ … so wenig wie wir uns heutzutage etwa mit den Haltungen in einem Historienschinken identifizieren mögen, in dem die Charaktere eine Liebe gar nicht erst in Betracht ziehen oder sie als unheilschwanger ansehen, weil sie nicht standesgemäß ist, so wenig konnten wir uns mit den angstgesteuerten Gemeinheiten verbunden fühlen, die wir da auf dem Bildschirm mitverfolgten.

Das Ver- und Entlieben der Figuren, ihre Macht- und Egospielchen, das qualvolle Sich-Verzehren und die autodestruktiven Handlungen aufgrund empfundener Wertlosigkeit … all das scheint im Kontext monogamer Beziehungen beinahe selbstverständlich und wird somit nur selten hinterfragt (vgl. auch Lisa Ludwigs Artikel: „Können wir endlich aufhören, Schmerz mit Liebe zu verwechseln?“)

broken heart

Das bedeutet zwar weder, daß jede Mono-Beziehung zu solchen Dramen tendiert, noch soll es keinesfalls so klingen, als wären wir über die Auswirkungen unseres Egos erhaben! Wir gehen durch unsere polyamore Philosophie vielleicht anders damit um, als uns von den gesellschaftlichen und Hollywood-Konditionierungen vorgegeben wird. Und es hat uns bewußt gemacht, daß die Poly-Weltsicht nicht eine Art schräge oder abartige Variante der herkömmlichen ist, sondern wie sehr sie diese tatsächlich erweitert.

Aus diesem Grund wollen wir mal einige der typischen Vorurteile, mit denen man sich als Poly so konfrontiert sieht, unserer Innenansicht gegenüber stellen (vgl. ähnliche Aufstellungen hier, hier und hier).

„Wenn du polyamor bist, hast du einfach den richtigen Partner noch nicht gefunden.“

Verschiedene Einflüsse (Gesellschaft, Eltern, Kirche, Filme, Songs, Gesetzeslage) geben uns vor, in welcher Art von Beziehung wir sein sollten und wie eine richtige Beziehung auszusehen hat: eine üblicherweise heterosexuelle, monogame Beziehung zwischen zwei Personen. Dahinter steckt oft die unausgesprochene Vorstellung, daß man den einen vollkommenen Menschen für sich findet, der alle unsere Bedürfnisse erfüllt, weswegen wir uns dann nach keinem anderen mehr sehnen müssen. Von diesem Standpunkt aus können polyamore Beziehungen gar keine „richtigen“ Beziehungen sein.

Aus unserer Sicht ist es nicht unbedingt fair, von jemand anderem zu erwarten, all unsere körperlichen, emotionalen, intellektuellen und spirituellen Bedürfnisse zu erfüllen. So etwas auf andere Menschen zu projizieren, kann diese hohen Belastungen aussetzen und leicht zum Ende einer Beziehung führen, weil wir rasch jemand anderen finden können, der unseren Sehnsüchten scheinbar besser entspricht. So kommt es typischerweise zur seriellen Monogamie und in Folge dann irgendwann vielleicht zur Ehe mit einem Menschen, von dem wir annehmen, daß er unseren Sehnsüchten noch am ehesten entspricht (und wenn das doch nicht der Fall sein sollte, flüchtet man sich in vielen Fällen eben noch zusätzlich in heimliche Affären.)

Wir halten es für sinnvoll, diese Erwartungshaltungen und Projektionen zurückzunehmen und selbst Verantwortung für die Erfüllung unserer Bedürfnisse zu übernehmen. So werden wir emotional selbständig. Wir verlangen nicht unbewußt, daß unser Partner alles für uns sein müßte – und müssen auch selbst nicht mehr alles für unseren Partner sein. Wir sind frei dafür, mehr wir selbst zu sein und unsere Liebe, unabhängig von begrenzenden Vorstellungen, vielen anderen Menschen gegenüber auszudrücken.

„Polyamorie bedeutet, daß du deine(n) Partner zu wenig liebst.“

In unserer Kultur herrscht die Meinung vor, daß Liebe nur begrenzt vorhanden sei. Unbewußt gibt es da oft eine quantitative Sichtweise: Ich habe im Idealfall 100 Prozent deiner Liebe; wenn du nun romantische Gefühle für einen anderen Menschen entwickelst, heißt daß, daß mir eine bestimmte Prozentzahl davon weggenommen wird. Ich bin also verletzt, weil ich annehmen muß, daß du mich nicht mehr liebst. Interessanterweise gilt diese Sichtweise im Allgemeinen für romantische Beziehungen – wenn’s um Freunde oder Familienmitglieder geht, wird das schon nicht mehr so eng gesehen.

Unsere Meinung ist, daß Liebe im Überfluß vorhanden und nicht quantitativ gemessen werden kann. Unsere Erfahrung ist, daß sich die Liebe im Gegenteil sogar vermehrt, je mehr davon wir zulassen.

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„Polyamorie ist nur was für promiskuitive Menschen, die Angst vor echter Nähe und Intimität haben.“

„Ihr seid doch nur aufs nächste sexuelle Abenteuer aus. Euch geht’s doch nur darum, mit möglichst vielen Menschen zu vögeln, weil Ihr tiefe Gefühle vermeiden wollt.“ – Wir haben aufgehört zu zählen, wie oft wir diesen Vorwurf schon gehört haben. Und er trifft sicher auf einige Menschen zu (sowohl auf Polys als auch auf Monos) … doch Polyamorie funktioniert auf Dauer nur mit einem erheblichen Ausmaß an Vertrauen, Kommunikation, Commitment, Einfühlungsvermögen, Respekt und Ehrlichkeit.

Was wir auch schon öfters gehört haben, ist die Ansicht: „Ihr habt doch einfach keine Selbstachtung … sonst würdet ihr euch ja nicht jedem an den Hals werfen“. – Tun wir auch nicht. Damit Beziehungen (egal, ob Mono oder Poly) funktionieren, braucht’s unserer Meinung nach immer einen gesunden Selbstwert. Bevor wir uns nicht selbst annehmen und lieben, ist eine Partnersuche erfahrungsgemäß eher selten vielversprechend.

Wir sind uns nicht sicher, ob Polys tatsächlich mehr Sex haben als Monos (der Tag hat für alle nur vierundzwanzig Stunden). Unsere Erfahrung ist: Ja, durch Polyamorie kann es zu sexuellen Aktivitäten mit mehreren Menschen oder Gruppensex kommen, und ja, das kann einen Heidenspaß machen – aber es geschieht im Idealfall auf eine hoch kommunikative Art und Weise, und nur mit dem Wissen und der Zustimmung aller Beteiligten und unter der Achtung und Wahrung ihrer emotionalen Grenzen … ganz ehrlich: Wenn’s nur um hemmungsloses Rumvögeln ginge – das könnte man wesentlich einfacher haben!

„Polyamorie ist nur was für Menschen, die entweder so abgestumpft oder so erleuchtet sind, daß sie keine Eifersucht empfinden.“

Niemand verlangt, daß man als polyamorer Mensch nicht mehr eifersüchtig sein dürfte. Allerdings wird großer Wert darauf gelegt, seine Emotionen nicht zu verleugnen, sondern sich verantwortungsvoll mit ihnen zu konfrontieren. Wir verstehen Eifersucht als hochintelligenten, individuellen Schutzmechanismus, der eine psychologisch folgerichtige Funktion erfüllt. Diese zu verstehen ist nicht nur möglich, sondern kann sogar spannend sein wie ein Krimi.

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Eifersucht zu vermeiden ist also nicht das Ziel – entscheidend ist, wie wir auf sie reagieren. Und das macht uns souveräner und wirkt sich meist auch auf andere Lebensbereiche aus. Was nicht heißt, daß Polys per se die besseren (Beziehungs-)Menschen wären. Mißverständnisse und Verletzungen kommen in polyamoren Beziehungen genauso vor wie in monogamen und sie können genauso in die Brüche gehen. In keinem Fall gibt’s eine Zauberformel, welche die langfristige, harmonische Beziehung garantiert. Jede Beziehung ist einzigartig wie die Individuen in ihr ihr.

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