Die Sache mit dem Verlieben – Teil I

Vom ungewollten Verlieben in monogamen Beziehungen, von Zweifeln, Ängsten und Dramen. Und vom Auflösen in der Liebe. – Ein emotionaler Reisebericht.

Verlieben – schön und gut: Schmetterlinge im Bauch, rosarote Brille und das „High“ auf Wolke 7. Sich Hals über Kopf in jemanden zu verlieben, ist wunderbar: Die Welt erstrahlt in neuem Glanz, alles fühlt sich irgendwie anders an und für eine Weile vergisst man alle Probleme und Sorgen. Anders ist das jedoch, wenn einen dieses Gefühl „heimtückisch“ erwischt und man davon eigentlich gar nichts wissen will … Stoff für Dramen gibt es dann, wenn man doch eigentlich schon „glücklich vergeben“ ist. In monogamen Beziehungen hat das Verlieben nichts zu suchen, es sei denn, es bezieht sich auf den schon vorhandenen Partner.

So bin auch ich – mehr oder minder unfreiwillig – in die Polyamorie gestolpert. Dem ersten Schock folgte das Verleugnen und kurze Zeit später die Unsicherheit: „Kann das überhaupt sein?“ Wie kann ich Gefühle für jemanden empfinden, wenn ich doch schon mit jemand anderem zusammen bin (und damit nicht mal unzufrieden)?!

Drama, Baby, Drama!

In der Schule hab ich darüber jedenfalls nichts gelernt. Beziehungen standen leider nie auf dem Lehrplan. Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass meine erste polyamore Krise eigentlich schon viel früher stattgefunden hatte, nicht erst, als ich mich als Erwachsene zwischen zwei Männern zwischen den Stühlen fühlte. Ich erinnere mich an eine unschöne Geschichte in der siebten Klasse …

Zu dieser Zeit hatte ich eine beste Freundin und aus heiterem Himmel tauchte da plötzlich dieses andere Mädchen auf … Und ich habe wirklich mein Bestes gegeben, sie zu hassen, denn ich habe ja genau gespürt, welche Gefahr sie für die erste Beziehung darstellte. Es gibt nun Mal nur die eine beste Freundin! Nachdem mir und allen anderen klar wurde, dass ich meine freundschaftlichen Gefühle nicht länger verstecken konnte, wurde mir ein Ultimatum gestellt. Wie so oft, wenn es in zwischenmenschlichen Beziehungen zu diesem Schritt kommt, fällt es negativ auf denjenigen zurück, der sich dazu hat hinreißen lassen: Ich verließ meine erste beste Freundin und begann eine neue Beziehung mit der anderen. So endete zwar mein unerträglicher Loyalitätskonflikt, aber ich verlor auch die Verbindung zu einer Freundin, die mir viel bedeutete.

Die Sache mit der Loyalität

Es gibt Menschen, die sich in solchen und ähnlichen Situationen dazu genötigt fühlen, Geheimnisse zu haben und ein Doppelleben zu führen. Für mich kam diese Option nie in Frage. Auch nicht, als ich mitten in meiner mehrjährigen Zweierbeziehung plötzlich Gefühle für einen anderen entwickelte. Das romantische Ideal und – mehr noch – meine innere emotionale Verpflichtung einem geliebten Menschen gegenüber verbaten mir das Eingehen einer Affäre. Es war für mich einfach unvorstellbar, etwas so Bedeutsames und Tiefgehendes wie die Liebe mit Geheimniskrämerei und Lügen zu vermischen. Aber was blieb dann? Zunächst einmal Zweifel, Ängste und schlaflose Nächte.

Polyamorie als Lösung?

Es einfach aussitzen? Das kam mir auch nicht ehrlich vor. Ich gestand meine Gefühle in der Hoffnung, damit nicht mehr so allein zu sein. In erster Instanz aber gestand ich vor mir selbst und somit waren die Karten auf dem Tisch. Was aber als nächstes? In meiner Verwirrung und Unsicherheit war Google mein Freund. Immerhin konnte ich ja nicht der erste Mensch auf der Welt sein, dem das passierte. Also recherchierte ich: „Kann man mehr als einen Menschen lieben?“ tippte ich ins Suchfeld. Und tatsächlich – ich war nicht die Einzige! Auf den typischen Umwegen des Internets fand ich schließlich den Begriff Polyamorie.

Ich erinnere mich noch lebhaft an meine erste Reaktion, die ein Gemisch war aus Faszination, Ungläubigkeit und Abgestoßensein. Jetzt hatte ich zwar die Lösung für mein Problem, dafür aber gleich eine ganze Menge neuer …

Selbstbetrug statt Fremdgehen?

Die Reaktionen meines Umfelds waren denkbar ungut. Eine Freundin redete leidenschaftlich auf mich ein, das könne nicht der richtige Weg sein. Sie (und übrigens auch mein damaliger Partner) war felsenfest davon überzeugt, dass ich mich in einer unglückseligen Phase befände, die man aussitzen und überwinden müsse. Das Konzept „freie Liebe“ habe sich selbst überholt und überhaupt, das ginge doch nicht. Polyamorie war für sie nichts weiter als eine Ausrede, um es sich leicht zu machen: „Das sind doch alles nur Perverse, die beziehungsunfähig sind und mit möglichst vielen Leuten Sex haben wollen!“

Ich war verunsichert. Redete ich mir nur etwas ein? Hatte meine Freundin Recht mit ihren Bedenken? War das alles wirklich nicht mehr als eine billige Ausrede? Aber was war mit meinen Gefühlen? Mir einfach einzureden, was ich empfand, war nichts weiter als eine Laune, kam mir noch mehr wie Selbstbetrug vor.

Ich wünschte, ich hätte damals schon polyamore Menschen gekannt, die ich hätte fragen können. Ich fühlte mich sehr allein und plagte mich wochenlang mit innerer Zerrissenheit bis hin zum Selbsthass. Wenn alle Leute, die ich kannte, so negativ auf die Idee von polyamoren Beziehungen reagierten, schien ich (statistisch gesehen) im Unrecht.

Etwas Wasser den Berg hinunter …

Einige Jahre später sitze ich hier und erinnere mich halb schmunzelnd, halb bedauernd an diese Zeit zurück. Die Freundin, die mir damals riet, die fixe Idee von Polyamorie zu vergessen, ist mir fremd geworden. Und der Mann, mit dem ich so lange zusammen war, ist nicht mehr der Mittelpunkt meines Daseins. Wohin hat mich das alles nun also geführt?

Polyamorie ist eine verrückte Sache. So viel ist sicher. Ich hätte mir früher nie vorstellen können, zwei Menschen zur selben Zeit zu lieben. Jetzt weiß ich, dass ich das tue – und zwei ist in dem Fall eine starke Untertreibung! Ich habe mich eigentlich nicht sehr verändert (jedenfalls nicht im Inneren), dafür aber meine Vorstellung von dem, was Liebe und Verliebtsein für mich bedeutet. Das Verrückteste an dem Ganzen ist aber, dass ich jetzt sogar Menschen liebe, mit denen ich nicht mal eine Beziehung führe. Den Exfreund zum Beispiel, der in dem vergangenen Drama erst sein wahres Gesicht gezeigt hat und sich alles andere als liebenswert verhalten hat. Oder die Freundin, die den Kontakt zu mir abgebrochen hat. Oder einen Wildfremden an der Bushaltestelle, dem ich in die Augen sehe und nicht anders kann, als zu lieben.

Liebe ist mehr als der Beziehungsstatus auf Facebook. Und mehr als ein Ring am Finger. Liebe ist Wahrheit – und damit auch mehr als die kindliche Projektion auf einen Menschen, der mich für die Verletzungen der Vergangenheit entschädigen und mich vor Schmerz in der Zukunft beschützen soll. Mehr als meine Angst vor Verlassenheit, mehr als die ständige Reproduktion alter Verhaltensmuster in immer „neuen“ Beziehungen, von denen ich mir jedes Mal aufs Neue mein Seelenheil verspreche (Stichwort: serielle Monogamie) und mein Glück von (einem) anderen Menschen abhängig mache.

Und am Ende?

Am Ende bin ich mir selbst näher gekommen. Egal wen ich liebe oder wer mich liebt. Und dafür sind wir ja hier, oder nicht? In diesem Sinne einen schönen Valentinstag und frohes Verlieben!

Eifersucht – ein gefährlicher Cocktail

Eifersucht hat viele Gesichter. Aber was genau ist dieses Gefühl und warum scheint es die Macht über uns zu haben, und uns bei Zeiten sogar regelrecht kontrollieren zu können? Eine Spurensuche.

Eifersucht als „Echtheitszertifikat“ der Liebe

Glaube den Leuten nicht, die behaupten, niemals eifersüchtig gewesen zu sein. Sie haben in Wahrheit nie geliebt.

So sagt ein Sprichwort. Und so ist es in den Köpfen Vieler fest verankert und kaum jemals hinterfragt worden. Eifersucht gilt landläufig als eine Leidenschaft, die zwar wehtun mag, einem in Liebes- und Beziehungsdingen dafür aber einen vermeintlichen Beweis für die Echtheit von Gefühlen liefert.

Eifersucht als „Kulturgut“

Eifersucht begegnet uns in unseren Leben schon sehr früh. Zum Beispiel in Form des kindlichen Liebesneides, den Erstgeborene erfahren, wenn sie die Zuneigung der Eltern plötzlich mit Geschwistern teilen müssen.

Aber auch später noch, in den zahllosen Hollywood-Dramen und Romantic Comedies, begegnet sie uns als normaler, unhinterfragter Bestandteil unseres Gefühlslebens. Und wir empfinden Sympathie und Verständnis für die Figuren auf der Leinwand, wenn sie sich in tiefste Depression hinein steigern oder in blinde Raserei verfallen.

Dadurch scheint uns, die Eifersucht sei Teil der Liebe. Als sei es immer schon so gewesen und als könne es nicht anders sein. Man denke nur an frühere Zeiten, in denen sich Gentlemen ganz selbstverständlich und einem strengen Regelkodex folgend im Morgengrauen zum Duell gegenüber standen. Tod inklusive.

Gerade Menschen in polyamoren Beziehungen kennen Eifersucht als Faktor für Unsicherheit und Ängste. Für viele ist sie einer der größten Stolpersteine auf dem Weg, die Beziehung zu öffnen. Für monogam Lebende ist das Schlagwort Eifersucht nicht selten das beste Argument, sich nicht auf unbekanntes Beziehungsterrain vorzuwagen: „Ich könnte mir das nie vorstellen … dafür wäre ich viel zu eifersüchtig!“

Hier kommt ein häufiges Mißverständnis zum Ausdruck: Polyamorie fordert überhaupt nicht, dass man nicht eifersüchtig sein dürfe – vielmehr geht es um die Bereitschaft, die Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen.

Eifersucht als Ausrede

Eifersucht ist eine Leidenschaft,
Die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. (Friedrich Schleiermacher)

Eine andere Sicht auf Eifersucht wird möglich, wenn man sie nicht länger, so wie es unsere Gesellschaft gemeinhin tut, als Liebesbeweis legitimiert. Aber was ist sie dann?

In unseren Augen handelt es sich dabei um eine Art emotionales Phantom. Denn „die“ Eifersucht gibt es gar nicht! Stattdessen subsumiert der Eifersüchtige gleich einen ganzen Cocktail an mehr oder weniger bewusst erlebten Gefühlen und verpasst diesem höchst individuellen Gemisch dann einfach den Aufkleber „Eifersucht“.

Eifersucht als Deckmantel

Wenn jemand sagt, er sei eifersüchtig, glauben wir auf der Stelle zu wissen, wovon er oder sie redet. In Wahrheit aber fühlt jeder etwas ganz eigenes; es ist nur so, dass wir uns kollektiv auf eine Schnittmenge geeinigt haben, die wir dann Eifersucht nennen. Aber warum?

Was sich im Geheimen dahinter versteckt, hat seinen Ursprung in Angst und letztlich in mangelnder Selbstliebe. Das Etikett „Eifersucht“ wird allgemein akzeptiert und als Zeichen der Liebe umgedeutet, um sich vor dem zu schützen, was sich tatsächlich hinter ihr verbirgt.

Und in vielen Fällen ist es einfacher, diese negativ empfundenen Gefühle zu externalisieren und auf den Partner zu projizieren, anstatt sich mit den eigentlichen Ursachen auseinander zu setzen, die ihre Wurzeln bis in unsere ersten Lebensjahre zurück erstrecken.

Was die Eifersucht eigentlich verkörpert, ist Angst, die als existenziell bedrohlich empfunden werden kann, die Furcht davor, verlassen zu werden und ein tief empfundener Mangel in der Liebe zu sich selbst. Der oder die Partner sind nur die Auslöser oder Trigger, nicht aber der wahre Ausgangspunkt. Und genau deshalb kann man ihr auch nur wirklich beikommen, wenn man sich sich selber zuwendet und aufhört, die Schuld beim Gegenüber zu suchen.

Weiterführend:

Von der Nacktheit der Liebe

Von der Angst sich zu entblößen, die über die körperliche Ebene hinausgeht und bis in die tiefsten Ebenen unserer selbst hinein reicht. Und vom Mut, sich selbst in der Liebe zu zeigen.

Bloße Liebe

Dass Liebende sich dazu entscheiden, ihre Beziehung zu öffnen und Intimität nicht nur auf „den oder die Eine(n)“ zu beschränken, stößt manche vor den Kopf. Dementsprechend können die Reaktionen ausfallen, mit denen sich Menschen in polyamoren Beziehungen auseinandersetzen müssen.

Oft ist die Vorstellung von zwischenmenschlichen Beziehungen jenseits von anerzogenen Konventionen und Normen derart beängstigend und irritierend, dass alles Mögliche und Unmögliche hinein projiziert wird. So wird daraus mitunter etwas Obszönes, Zweifelhaftes gemacht.

So wie Adam und Eva lernten, „ihre Scham“ zu bedecken – also die Nacktheit ihrer Körper vor einander zu verhüllen – so gingen auch wir dazu über, einen wesentlichen Teil unserer selbst vor dem anderen zu verbergen. So wie wir glauben, uns für unsere Körper schämen zu müssen, genauso meinen wir, dass es Teile in uns gibt, die wir verschleiern müssten. Einfach weil sie nicht angebracht zu sein scheinen, nicht vorzeigbar sind.

So geht es vielen Menschen, wenn sie sich etwa zu jemandem hingezogen fühlen, der nicht der eigene Partner ist. Diese Gefühle werden negiert und ausgeblendet, weil sie einer allgemeinen Konvention nicht entsprechen, die wir zu unserer persönlichen gemacht haben. So, wie kaum jemand auf die Idee käme, sich inmitten einer Menschenmenge einfach auszuziehen und sich nackt zu zeigen, so selten kommt es vor, dass wir uns emotional „die Blöße geben“.

Deckmantel der Entfremdung

Das Feigenblatt ist über die Jahrhunderte hinweg Sinnbild für Scham, Sünde und den Verlust der Unschuld geworden.

Später verwendete man es im christlichen Abendland bis in die Neuzeit hinein als Leerstelle, um die Geschlechtsteile in Kunstwerken zu verbergen. In einigen Fällen wurde dieser Akt der Verhüllung tatsächlich auch noch nachträglich vorgenommen. Ein Beispiel dafür ist die Kopie der Davidstatue des Michelangelo. Sie wurde im Nachhinein mit einem speziell dafür angefertigten Feigenblatt aus Gips versehen, „zur Schonung des Schamgefühls“ besonders weiblicher Betrachter.

Über die Zeiten hinweg entwickelte sich das Feigenblatt im weiteren Sinne zu einer Metapher, die zur Verschleierung des Obszönen oder als Deckmantel für „unschickliche“ Sachverhalte hergenommen wurde. Davon zeugt heute noch unser Sprachgebrauch, wenn wir beispielsweise sagen, dass sich jemand „kein (Feigen-) Blatt vor den Mund nimmt“.

Kokon der Angst

Wenn wir heute versuchen, uns „nackt“ zu zeigen, in einem Sinne, der über die Freikörperkultur hinausgeht und sich auf unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse erstreckt, sehen wir uns mit einer Vielzahl von „Hüllen“ konfrontiert, die sich in Schichten über unserem eigentlichen Wesen abgelagert haben. Es kann sein, dass diese Schutzschichten mit der Zeit derart verkrustet und verhärtet sind, dass wir den Zugang zum eigenen Inneren s6gar verloren zu haben scheinen oder gar vergessen, wer wir eigentlich sind.

So wie wir unserer Körper- und Sinnlichkeit kollektiv entfremdet worden sind, sodass uns Scham und Schuld als Umgang damit als ganz normal und angebracht erscheinen, so können uns auch die eigenen Gefühle falsch und verwerflich vorkommen, sobald sie nicht den allgemein akzeptierten Ansichten entsprechen.

So wird unser inneres und äußeres Nacktsein, das uns doch eigentlich miteinander verbindet und uns ermöglicht, uns selbst im anderen zu sehen, zum Faktor der Abgrenzung und Isolation.

Hüllenlos lieben

Wenn wir den Mut finden können, uns unserer Hüllen zu entledigen, haben wir die Chance, etwas in uns zu entdecken, das so viel größer ist als die Kategorien der Norm und Konventionen. Die Entscheidung, sich von den eigenen Deckmänteln zu befreien, kann einen Prozess einläuten, der uns verwandelt und über die eigenen Schranken hinauswachsen lässt und der in seiner Grenzenlosigkeit der Liebe an sich entspricht.

Einander erkennen

In diesem Sinne ist Polyamorie ein Weg, der von immer mehr Menschen beschritten wird, um sich aus der eng geschnürten gesellschaftlichen Korsage von „Richtig oder Falsch“ zu lösen.

Polyamorie ist eine Möglichkeit, die Schleier zu heben und einen Raum zu eröffnen, in dem wir der Liebe mit Bewusstheit und Selbstverantwortung begegnen, anstatt uns in Projektionen und Opfergefühlen z4 verstricken. Indem wir erkennen, dass Liebe ihrem Wesen nach nicht quantitativ, nicht begrenzend und nicht reglementierend sein kann, öffnen wir die Augen nicht nur für eine gänzlich neue Perspektive, sondern für eine größere Vision und Version unserer selbst.