Von Konventionen und (Tisch-)Sitten

Über unverstandene Eßstäbchen, teuflisches Besteck und was die Gabel mit Polyamorie zu tun hat

Vor kurzem bin ich im Netz über diesen Cartoon gestolpert; ich mag, wie unvermittelt er (manchmal oft auch unbewußte) homophobe Ignoranz aufzeigt:

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Das Messer deklariert die Beziehung der Eßstäbchen vielleicht nicht (mehr) als „unnatürlich“, aber es geht davon aus, daß sie in gewisser Weise seinem Bild von einer Beziehung entsprechen müßte. Das stellt auch gut dar, wie ich manche Reaktionen auf meinen polyamoren Lebensstil erlebe: „Das ist ja abnormal“, „Das hat doch schon bei den 68ern nicht funktioniert“, „Zweierbeziehungen sind halt einfach so vorgesehen“ u. Ä. (vergleiche dazu auch die zweite Hälfte dieses Artikels) …

In unserer Gesellschaft legen wir ja generell Wert darauf, einen Sachverhalt aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten zu können und finden es wichtig, Alternativen zur Verfügung zu haben. Doch wenn es um Beziehungen geht, scheint es im Denken und Fühler vieler Menschen oft nur eine einzige „richtige“ Art und Weise zu geben, wie sie gelebt werden können oder sollen – nämlich als (serielle) Monogamie. Das kommt meiner Meinung nach einem emotionalen Einparteiensystem gleich. Nichtmonogame Beziehungsformen werden dann allenfalls als befremdliche Modifikationen des vorherrschenden Lebensentwurfs gesehen, nicht aber als eigenständige und ebenbürtige Modelle.

Die freundliche Haltung der Gabel in diesem Cartoon hat mich zu einer weiteren Überlegung geführt: Ein Eßbesteck besteht bei uns üblicherweise aus Löffel, Gabel und Messer, nicht wahr? Wir würden davon ausgehen, daß auf dem Tisch etwas fehlt, wenn etwa nur Löffel und Messer aufgedeckt würden. Dabei hat sich die Gabel tatsächlich erst im bürgerlichen Europa des 19. Jahrhunderts durchgesetzt! Davor wurde nur mit Löffel und Messer gegessen – die Gabel wurde als etwas Unnatürliches betrachtet.

Zwar gab es schon Gabeln in der Antike, die zum Aufspießen von Fleisch und zum Vorlegen verwendet wurden, überwiegend wurde jedoch mit den Händen gegessen. Von Byzanz aus gelangte die Gabel im Frühmittelalter zu den Normannen und in der Spätrenaissance nach Italien. Im christlichen Mitteleuropa wurde sie aber als Symbol und Werkzeug des Teufels angesehen und daher nicht verwendet (in Klöstern war die Benutzung von Gabeln lange Zeit sogar ausdrücklich untersagt). Kirchenlehrer verurteilten diese neue, „weibische und gezierte“ Mode als „sündhafte Verweichlichung“. Erasmus von Rotterdam forderte: „Was gereicht wird, hat man mit drei Fingern oder mit Brotstücken zu nehmen.“ Und italienische Tischregeln vom Anfang des 17. Jahrhunderts wollten die Gabel samt und sonders verbannen: „Hat uns die Natur nicht fünf Finger an jeder Hand geschenkt? Warum wollen wir sie mit jenen dummen Instrumenten beleidigen, die eher dazu geschaffen sind, Heu aufzuladen als das Essen?“

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Immerhin: Wir haben nur zwei Arme und zwei Hände. Da ist es doch gewiß unnatürlich, von einem dritten Besteckbestandteil zu sprechen. Skandalös. Wie soll man denn bitteschön rechtschaffen und fair essen, wenn man ständig das Besteck wechseln muß? Und überhaupt: Wo soll das Ganze denn noch hinführen? Eines Tages kommen sie vielleicht gar auf die Idee, Teelöffel und Fischmesser einzuführen! Oder Tortenheber und Zuckerzangen … oder völlig abnormale Mischformen wie den Göffel (engl. Spork), Messer-Löffel-Kombinationen (Spife), Messer-Gabel-Kombinationen (Knork) und Kombinationen aus Messer, Löffel und Gabel (Schneidgöffel, Sporf)! Sodom und Gomorrha sind nichts dagegen!

Die Gabel kann in diesem Zusammenhang metaphorisch für Polyamorie stehen – als etwas, das lange Zeit als Sünde, Torheit oder zumindest Affektiertheit gesehen wurde, heute aber längst nicht mehr in Frage gestellt wird.

Das heißt natürlich nicht, daß Polyamorie etwas Besseres oder Weiterentwickelteres wäre (schließlich macht es ja auch Spaß, mit den Fingern zu essen und abgesehen davon gibt es Kulturen, die weder Löffel, Gabel oder Messer verwenden) … doch die Metapher verdeutlicht, daß Monogamie nicht das einzige Liebesideal sein muß und wie nichtmonogame Beziehungsformen als gleichwertige Modelle zu den üblicherweise praktizierten gesehen werden können.

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Über unsere persönliche Sicht auf und Erfahrungen mit Polyamorie standen auch meine liebe Freundin Sky und ich kürzlich einem Kamerateam Rede und Antwort. Wir waren Interviewpartner für einen Handlungsstrang der ORF-Reportagereihe Am Schauplatz. Die Sendung über „Die Geliebten“ wird am 22. Oktober 2015 um 21:05 Uhr auf ORF 2 ausgestrahlt und ist danach sieben Tage als Video-on-Demand abrufbar und wird auch als Live-Stream in der ORF-TVthek angeboten.

PolyTalk: Von Polyamorie, Egos und Erleuchtung

Einladung zum Vortrag und Diskussion am 12. März im Dainadoo am Entenplatz, Graz.

Einige Male schon wurde uns die Frage gestellt, wie erleuchtet man denn nun eigentlich sein müsse, um polyamor leben zu können. In der Vorstellung Vieler findet sich immer wieder der Gedanke: um „wirklich“ polyamor leben und lieben zu können, müsste man auf irgendeiner Art Erleuchtungspfad schon recht weit gekommen sein – wie sonst könne man denn mit den Poly-Herausforderungen umgehen?!

Wenn mein Ego nicht wäre …

Ab und an begegnen uns auch im Coachingkontext Aussagen wie diese: „Wenn mein Ego nicht wäre, könnte ich sicher auch (besser) polyamore Beziehungen führen!“ Gerade in spirituellen oder therapieorientierten Kreisen gehört es fast schon zum guten Ton, sich irgendwie mit „Ego-Arbeit“ oder Transformationsprozessen zu beschäftigen. Und was ist dazu besser geeignet, als sich von einem oder gleich mehreren Beziehungspartnern die „Knöpfe drücken“ zu lassen?!

Irgendwie sind die nicht-monogamen und offenen Beziehungsstrukturen, die sich in unserer Zeit gerade so massiv ins öffentliche Bewusstsein bewegen, tatsächlich dazu prädestiniert, uns mit eigenen Persönlichkeitsanteilen zu konfrontieren, die sonst lieber unberührt bleiben. Polyamorie triggert auf wunderbar-schreckliche Weise alte Ängste, Eifersucht, Neid und sonstige Verhaltensmuster, die gern dem Ego zugeschrieben werden.

Und was hat das mit Erleuchtung zu tun?

Dass Polyamorie irgendetwas mit Spiritualität zu tun hat, ist überhaupt Auslegungssache und (wenn man sich u.a. in Foren und Facebookgruppen umschaut) auch immer wieder Streitpunkt. Und der Gedanke, dass man in gewisser Weise „weiter entwickelt“ sein müsse oder sollte, um alternative L(i)ebensweisen praktizieren zu können, impliziert natürlich ein (wie auch immer geartetes) Kompetenzgefälle – dem auch eine Wertung innewohnen kann.

Und da sind wir denn nun auch schon am Kern der Sache angelangt: Die Art, wie wir Liebe empfinden und sozial zum Ausdruck bringen, hängt unserer Auffassung nach sehr eng mit dem generellen Bild zusammen, das wir uns vom Menschen an sich und dem menschlichen Miteinander machen.

Rechtfertigt meine Eifersucht beispielsweise das berühmte Duell im Morgengrauen? Darf ich meine vermeintlichen Konkurrentinnen hassen (zumindest innerhalb eines kleinen emotionalen Ausbruchs)? Ist es nicht auch völlig in Ordnung, meinen Partner für mein Wohlergehen verantwortlich zu machen und ihn mit Vorwürfen zu überschütten, wenn er mich wegen seiner Bedürfnisse aus meiner gefühlsmäßigen Komfortzone heraus katapultiert? Und darf man so etwas nicht mehr fühlen oder für sich beanspruchen, wenn man zu erleuchtet ist?

… it’s PolyTalk Time again!

Am 12. März ist es so weit! Ab 19:00 Uhr treffen wir uns wieder im Dainadoo am Entenplatz und starten gegen 19:30 Uhr mit unserem Impulsvortrag und wie gewohnt anschließender Diskussionsrunde. Auch dieses Mal sind wir besonders neugierig und gespannt auf eure Meinung und Erfahrungen!

Wir freuen uns auf euch!

Veranstaltung auf Facebook (click!)

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Die Sache mit dem Verlieben – Teil II

Über traurige Ritter in strahlender Rüstung und ferne Lichtblicke, vom Bedürfnis nach Bestätigung und der Sehnsucht nach sich selbst.

Im ersten Teil hat meine Liebste darüber geschrieben, wie das ungewollte Verlieben in mehrere Menschen oft der erste Schritt zur Beschäftigung mit nicht-monogamen Beziehungs-Konzepten sein kann. Hier versuche ich, anhand meiner persönlichen Erfahrungen mein Verständnis des Verliebens nachzuzeichnen.

Ich muß sieben oder acht gewesen sein, als ich mich zum ersten Mal verliebte. Sie war ein Jahr jünger als ich und hatte einen außergewöhnlichen Namen, den ich zuvor nie gehört hatte. Kurz nachdem ich mir erklärt hatte, daß das, was ich da fühle, wohl dieses ominöse Verliebtsein war, von dem in Büchern und im Fernsehen immer geredet wurde, fragte ich sie auch schon, ob sie mich heiraten wolle. Immerhin machte man das ja so, nicht wahr? Das hatte ich aus den Büchern und aus dem Fernsehen gelernt. – Sie meinte recht diplomatisch, daß sie dafür noch ein wenig zu jung sei, es sich aber überlegen würde. Wir sprachen nie wieder darüber.

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Hoffnungsloser Romantiker

Doch auch in der Zeit, als ich mich ernsthaft für das andere Geschlecht zu interessieren begann, veränderte sich meine unbewußte Haltung nicht wirklich: Ich verliebte mich (meistens von einer Sekunde auf die andere) und meinte dann, dieses Mädchen wäre jetzt diejenige, mit der ich für den Rest meines Lebens zusammen bliebe. Meistens hatte ich wochenlang nicht den Mut, ihr meine Gefühle zu gestehen, und wenn, dann war es in Form überschwenglicher Liebesbriefe – die unweigerlich zu belustigtem Unverständnis, Häme ihrer Schulfreundinnen und kopfschüttelnder Ablehnung führten. Ich verlor mich in Shakespeare-Sonetten, saß in vollkommenem Unglück stundenlang am Flußufer und verbrannte Fotos der Angebeteten in meiner Hand.

Irgendwann – und bis dorthin sollte es noch einige Jahre dauern – hatte ich den Schmerz und das Drama gründlich satt, die mit dem Verliebtsein scheinbar untrennbar einhergingen. Ich beschloß, mich nicht mehr zu verlieben. Liebe: Ja, die würde mir bleiben. Liebe war so groß und unantastbar, die konnte nicht verletzt werden. Auch das Ende einer Beziehung änderte nichts an der Liebe, die ich für einen Menschen empfand. Aber Verlieben … das schien mir (bei aller Schwärmerei, Hoffnungsfreude und träumendem Schweben) so tückisch, unwägbar und letztlich ins emotionale Elend führend, daß ich ihm entsagen wollte.

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Und mehr als einmal gelang es mir auch, die Notbremse zu ziehen und mich zu kontrollieren, wo ich mich vorher Hals über Kopf verliebt hätte. Ich fühlte mich in meiner Position der allumfassenden Liebe sicher. Von dort aus ergab sich auch meine polyamore Lebenseinstellung als selbstverständlicher nächster Schritt – denn natürlich konnte ich mehrere Personen gleichzeitig lieben. Dennoch konnte ich meinem Vorsatz nicht konsequent treu bleiben und verliebte mich immer wieder einmal. Dabei fiel mir auf, daß ich scheinbar keinen bestimmten „Typ“ bevorzuge … zumindest vom Aussehen her. Trotzdem wiederholten sich bestimmte Muster in meinem Verhalten. Und die interessierten mich.

Unbewußte Aspekte des Verliebens

So peinlich es klingt: Der rote Faden, der sich in meinem Fall durch alle Verliebtheitsepisoden zog, bestand aus der Suche nach der großen, unerwiderten Liebe. Es mußte eine Frau sein, die in Nöten schien, deren Zuneigung zu mir ich sentimental überhöhen konnte – und die ich letztlich nie erreichen würde, damit ich mein Selbstbild des elegisch leidenden, unverstandenen und einsamen Künstlers bestätigen konnte. Erst als ich dieses Muster bewußt reflektiert hatte, konnte ich auch deutlich sehen, wie ich andere, möglicherweise aussichtsreichere Gelegenheiten nicht zugelassen oder sie bedauerlicherweise nach kurzer Zeit beendet hatte.

Seither hat sich viel getan. Ich verliebe mich nach wie vor sehr schnell. Aber ich erlebe es in einer völlig neuen, sanften, befreiten Qualität und genieße es in vollen Zügen.

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Durch die Beschäftigung für unsere Vorträge haben Suna und ich ein umfassenderes Verständnis für einige Abläufe des Verliebens entwickelt; mitunter wird unser Schwärmen für jemanden neben dem erotischen Begehren eben auch maßgeblich durch das Gefühl ausgelöst, vom anderen gesehen und bestätigt zu werden. Dieser Eindruck kann zum Beispiel durch die Bekräftigung einer oder mehrerer der folgenden unbewußten Bedürfnisse entstehen:

  1. Ich setze mich für eine bessere Welt ein, weil es sonst kaum jemand tut – und da gibt es noch jemanden, der meine Werte teilt.
  2. Ich werde nur geliebt, wenn ich mich für jemanden aufopfern kann und da ist jemand, der mich braucht.
  3. Ich weiß nicht, wer ich selbst bin, aber ich arbeite an meinem Image und da ist jemand, den ich damit beeindrucken kann.
  4. Ich bin nicht liebenswert und dieser Jemand wird mich darin bestätigen, damit ich mich weiterhin verlassen fühlen kann.
  5. Ich habe wenig Zugang zu meinem Körper und meinen Gefühlen, aber da gibt es jemanden, der mein Wissen schätzt und von dem ich annehme, daß er bereit ist, hinter meine Mauern zu blicken.
  6. Ich fühle mich permanent unsicher und bin bereit, mich diesem Jemand unterzuordnen, denn von ihm verspreche mir Sicherheit.
  7. Ich kann nur schwer mit mir selbst allein sein und von der Zeit mit diesem Jemand verspreche ich mir Spaß und Abwechslung.
  8. Ich kann meine weiche Seite nicht zulassen, sehe sie aber in anderen und da ist jemand, der beschützt werden muß.
  9. Ich versuche soweit wie möglich, allen Konflikten aus dem Weg zu gehen und da gibt es jemanden, bei dem ich mir Harmonie verspreche.

Diesen Kuß der ganzen Welt!

Solange wir beinahe zwanghaft diesen unbewußten Selbstbildern nachlaufen, besteht die Gefahr, Polyamorie als Ausrede dafür zu mißbrauchen, kindliche Bedürfnisse unreflektiert nachzunähren (in unseren Vorträgen gehen wir genauer darauf ein, wie das entstehen kann und welche Möglichkeiten wir sehen, konstruktiv damit umzugehen) … nicht umsonst heißt es ja, daß jede Beziehung einen Spiegel darstellt – und im Poly-Kontext ist es gleich ein ganzes Spiegelkabinett!

Doch je mehr unsere Projektionen nachlassen, um so eher sehen wir andere Menschen wirklich. Ähnlich wie Treue im Hinblick auf Polyamorie neu definiert wird, kann auch das Verlieben durch Bewußtmachen und Selbstliebe einen ganz neuen Charakter bekommen; es wird zu einem authentischen Ausdruck unseres Wesens. Denn schließlich bietet Polyamorie ja auch die Freiheit, sich in die ganze Welt zu verlieben …!

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Die Sache mit dem Verlieben – Teil I

Vom ungewollten Verlieben in monogamen Beziehungen, von Zweifeln, Ängsten und Dramen. Und vom Auflösen in der Liebe. – Ein emotionaler Reisebericht.

Verlieben – schön und gut: Schmetterlinge im Bauch, rosarote Brille und das „High“ auf Wolke 7. Sich Hals über Kopf in jemanden zu verlieben, ist wunderbar: Die Welt erstrahlt in neuem Glanz, alles fühlt sich irgendwie anders an und für eine Weile vergisst man alle Probleme und Sorgen. Anders ist das jedoch, wenn einen dieses Gefühl „heimtückisch“ erwischt und man davon eigentlich gar nichts wissen will … Stoff für Dramen gibt es dann, wenn man doch eigentlich schon „glücklich vergeben“ ist. In monogamen Beziehungen hat das Verlieben nichts zu suchen, es sei denn, es bezieht sich auf den schon vorhandenen Partner.

So bin auch ich – mehr oder minder unfreiwillig – in die Polyamorie gestolpert. Dem ersten Schock folgte das Verleugnen und kurze Zeit später die Unsicherheit: „Kann das überhaupt sein?“ Wie kann ich Gefühle für jemanden empfinden, wenn ich doch schon mit jemand anderem zusammen bin (und damit nicht mal unzufrieden)?!

Drama, Baby, Drama!

In der Schule hab ich darüber jedenfalls nichts gelernt. Beziehungen standen leider nie auf dem Lehrplan. Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass meine erste polyamore Krise eigentlich schon viel früher stattgefunden hatte, nicht erst, als ich mich als Erwachsene zwischen zwei Männern zwischen den Stühlen fühlte. Ich erinnere mich an eine unschöne Geschichte in der siebten Klasse …

Zu dieser Zeit hatte ich eine beste Freundin und aus heiterem Himmel tauchte da plötzlich dieses andere Mädchen auf … Und ich habe wirklich mein Bestes gegeben, sie zu hassen, denn ich habe ja genau gespürt, welche Gefahr sie für die erste Beziehung darstellte. Es gibt nun Mal nur die eine beste Freundin! Nachdem mir und allen anderen klar wurde, dass ich meine freundschaftlichen Gefühle nicht länger verstecken konnte, wurde mir ein Ultimatum gestellt. Wie so oft, wenn es in zwischenmenschlichen Beziehungen zu diesem Schritt kommt, fällt es negativ auf denjenigen zurück, der sich dazu hat hinreißen lassen: Ich verließ meine erste beste Freundin und begann eine neue Beziehung mit der anderen. So endete zwar mein unerträglicher Loyalitätskonflikt, aber ich verlor auch die Verbindung zu einer Freundin, die mir viel bedeutete.

Die Sache mit der Loyalität

Es gibt Menschen, die sich in solchen und ähnlichen Situationen dazu genötigt fühlen, Geheimnisse zu haben und ein Doppelleben zu führen. Für mich kam diese Option nie in Frage. Auch nicht, als ich mitten in meiner mehrjährigen Zweierbeziehung plötzlich Gefühle für einen anderen entwickelte. Das romantische Ideal und – mehr noch – meine innere emotionale Verpflichtung einem geliebten Menschen gegenüber verbaten mir das Eingehen einer Affäre. Es war für mich einfach unvorstellbar, etwas so Bedeutsames und Tiefgehendes wie die Liebe mit Geheimniskrämerei und Lügen zu vermischen. Aber was blieb dann? Zunächst einmal Zweifel, Ängste und schlaflose Nächte.

Polyamorie als Lösung?

Es einfach aussitzen? Das kam mir auch nicht ehrlich vor. Ich gestand meine Gefühle in der Hoffnung, damit nicht mehr so allein zu sein. In erster Instanz aber gestand ich vor mir selbst und somit waren die Karten auf dem Tisch. Was aber als nächstes? In meiner Verwirrung und Unsicherheit war Google mein Freund. Immerhin konnte ich ja nicht der erste Mensch auf der Welt sein, dem das passierte. Also recherchierte ich: „Kann man mehr als einen Menschen lieben?“ tippte ich ins Suchfeld. Und tatsächlich – ich war nicht die Einzige! Auf den typischen Umwegen des Internets fand ich schließlich den Begriff Polyamorie.

Ich erinnere mich noch lebhaft an meine erste Reaktion, die ein Gemisch war aus Faszination, Ungläubigkeit und Abgestoßensein. Jetzt hatte ich zwar die Lösung für mein Problem, dafür aber gleich eine ganze Menge neuer …

Selbstbetrug statt Fremdgehen?

Die Reaktionen meines Umfelds waren denkbar ungut. Eine Freundin redete leidenschaftlich auf mich ein, das könne nicht der richtige Weg sein. Sie (und übrigens auch mein damaliger Partner) war felsenfest davon überzeugt, dass ich mich in einer unglückseligen Phase befände, die man aussitzen und überwinden müsse. Das Konzept „freie Liebe“ habe sich selbst überholt und überhaupt, das ginge doch nicht. Polyamorie war für sie nichts weiter als eine Ausrede, um es sich leicht zu machen: „Das sind doch alles nur Perverse, die beziehungsunfähig sind und mit möglichst vielen Leuten Sex haben wollen!“

Ich war verunsichert. Redete ich mir nur etwas ein? Hatte meine Freundin Recht mit ihren Bedenken? War das alles wirklich nicht mehr als eine billige Ausrede? Aber was war mit meinen Gefühlen? Mir einfach einzureden, was ich empfand, war nichts weiter als eine Laune, kam mir noch mehr wie Selbstbetrug vor.

Ich wünschte, ich hätte damals schon polyamore Menschen gekannt, die ich hätte fragen können. Ich fühlte mich sehr allein und plagte mich wochenlang mit innerer Zerrissenheit bis hin zum Selbsthass. Wenn alle Leute, die ich kannte, so negativ auf die Idee von polyamoren Beziehungen reagierten, schien ich (statistisch gesehen) im Unrecht.

Etwas Wasser den Berg hinunter …

Einige Jahre später sitze ich hier und erinnere mich halb schmunzelnd, halb bedauernd an diese Zeit zurück. Die Freundin, die mir damals riet, die fixe Idee von Polyamorie zu vergessen, ist mir fremd geworden. Und der Mann, mit dem ich so lange zusammen war, ist nicht mehr der Mittelpunkt meines Daseins. Wohin hat mich das alles nun also geführt?

Polyamorie ist eine verrückte Sache. So viel ist sicher. Ich hätte mir früher nie vorstellen können, zwei Menschen zur selben Zeit zu lieben. Jetzt weiß ich, dass ich das tue – und zwei ist in dem Fall eine starke Untertreibung! Ich habe mich eigentlich nicht sehr verändert (jedenfalls nicht im Inneren), dafür aber meine Vorstellung von dem, was Liebe und Verliebtsein für mich bedeutet. Das Verrückteste an dem Ganzen ist aber, dass ich jetzt sogar Menschen liebe, mit denen ich nicht mal eine Beziehung führe. Den Exfreund zum Beispiel, der in dem vergangenen Drama erst sein wahres Gesicht gezeigt hat und sich alles andere als liebenswert verhalten hat. Oder die Freundin, die den Kontakt zu mir abgebrochen hat. Oder einen Wildfremden an der Bushaltestelle, dem ich in die Augen sehe und nicht anders kann, als zu lieben.

Liebe ist mehr als der Beziehungsstatus auf Facebook. Und mehr als ein Ring am Finger. Liebe ist Wahrheit – und damit auch mehr als die kindliche Projektion auf einen Menschen, der mich für die Verletzungen der Vergangenheit entschädigen und mich vor Schmerz in der Zukunft beschützen soll. Mehr als meine Angst vor Verlassenheit, mehr als die ständige Reproduktion alter Verhaltensmuster in immer „neuen“ Beziehungen, von denen ich mir jedes Mal aufs Neue mein Seelenheil verspreche (Stichwort: serielle Monogamie) und mein Glück von (einem) anderen Menschen abhängig mache.

Und am Ende?

Am Ende bin ich mir selbst näher gekommen. Egal wen ich liebe oder wer mich liebt. Und dafür sind wir ja hier, oder nicht? In diesem Sinne einen schönen Valentinstag und frohes Verlieben!

Hautnah

Über die selten in Frage gestellte Verwechslung von Schmerz mit Liebe und die Innenperspektiven zu Vorurteilen gegenüber der Polyamorie.

Vor einigen Jahren sahen wir beide unabhängig voneinander erstmals den Film Closer (dt.: Hautnah), ein von Mike Nichols anspruchsvoll inszeniertes Beziehungsdrama über Sex, Unehrlichkeit und Betrug nach einem Theaterstück von Patrick Marber: Julia Roberts, Jude Law, Natalie Portman und Clive Owen spielen sich die Seele aus dem Leib, die Dialoge sind brillant, die Schauplätze in London betörend schön, die Musik von Damien Rice hat sich uns für immer eingeprägt. Darsteller und Film räumten etliche Preise ab, das Drehbuch war für den Golden Globe nominiert, Clive Owen und Natalie Portman für den Oscar.

 

Vor kurzem schauten wir uns dann den Film nochmals gemeinsam an – in der Erwartung, eine emotionale Achterbahnfahrt voller Sehnsucht, Schmerz, Begehren und Leidenschaft zu erleben. Zu unserer Überraschung geschah nichts dergleichen. Kein Liebesleid, kein Mitseufzen, gar nichts. Nach wie vor konnten wir die großartigen filmischen und schauspielerischen Qualitäten des Streifens uneingeschränkt schätzen, doch zum Drama der Protagonisten wollte sich bis zum Schluß einfach kein gefühlsmäßiger Bezug mehr einstellen. Es war ernüchternd.

„Meine Güte, warum machen die da jetzt so eine große Sache draus?“, „Sie müßten doch nur einfach mal ehrlich sagen, was sie empfinden.“, „Ja genau, dadurch werden sich jetzt garantiert alle noch viel besser fühlen!“ … so wenig wie wir uns heutzutage etwa mit den Haltungen in einem Historienschinken identifizieren mögen, in dem die Charaktere eine Liebe gar nicht erst in Betracht ziehen oder sie als unheilschwanger ansehen, weil sie nicht standesgemäß ist, so wenig konnten wir uns mit den angstgesteuerten Gemeinheiten verbunden fühlen, die wir da auf dem Bildschirm mitverfolgten.

Das Ver- und Entlieben der Figuren, ihre Macht- und Egospielchen, das qualvolle Sich-Verzehren und die autodestruktiven Handlungen aufgrund empfundener Wertlosigkeit … all das scheint im Kontext monogamer Beziehungen beinahe selbstverständlich und wird somit nur selten hinterfragt (vgl. auch Lisa Ludwigs Artikel: „Können wir endlich aufhören, Schmerz mit Liebe zu verwechseln?“)

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Das bedeutet zwar weder, daß jede Mono-Beziehung zu solchen Dramen tendiert, noch soll es keinesfalls so klingen, als wären wir über die Auswirkungen unseres Egos erhaben! Wir gehen durch unsere polyamore Philosophie vielleicht anders damit um, als uns von den gesellschaftlichen und Hollywood-Konditionierungen vorgegeben wird. Und es hat uns bewußt gemacht, daß die Poly-Weltsicht nicht eine Art schräge oder abartige Variante der herkömmlichen ist, sondern wie sehr sie diese tatsächlich erweitert.

Aus diesem Grund wollen wir mal einige der typischen Vorurteile, mit denen man sich als Poly so konfrontiert sieht, unserer Innenansicht gegenüber stellen (vgl. ähnliche Aufstellungen hier, hier und hier).

„Wenn du polyamor bist, hast du einfach den richtigen Partner noch nicht gefunden.“

Verschiedene Einflüsse (Gesellschaft, Eltern, Kirche, Filme, Songs, Gesetzeslage) geben uns vor, in welcher Art von Beziehung wir sein sollten und wie eine richtige Beziehung auszusehen hat: eine üblicherweise heterosexuelle, monogame Beziehung zwischen zwei Personen. Dahinter steckt oft die unausgesprochene Vorstellung, daß man den einen vollkommenen Menschen für sich findet, der alle unsere Bedürfnisse erfüllt, weswegen wir uns dann nach keinem anderen mehr sehnen müssen. Von diesem Standpunkt aus können polyamore Beziehungen gar keine „richtigen“ Beziehungen sein.

Aus unserer Sicht ist es nicht unbedingt fair, von jemand anderem zu erwarten, all unsere körperlichen, emotionalen, intellektuellen und spirituellen Bedürfnisse zu erfüllen. So etwas auf andere Menschen zu projizieren, kann diese hohen Belastungen aussetzen und leicht zum Ende einer Beziehung führen, weil wir rasch jemand anderen finden können, der unseren Sehnsüchten scheinbar besser entspricht. So kommt es typischerweise zur seriellen Monogamie und in Folge dann irgendwann vielleicht zur Ehe mit einem Menschen, von dem wir annehmen, daß er unseren Sehnsüchten noch am ehesten entspricht (und wenn das doch nicht der Fall sein sollte, flüchtet man sich in vielen Fällen eben noch zusätzlich in heimliche Affären.)

Wir halten es für sinnvoll, diese Erwartungshaltungen und Projektionen zurückzunehmen und selbst Verantwortung für die Erfüllung unserer Bedürfnisse zu übernehmen. So werden wir emotional selbständig. Wir verlangen nicht unbewußt, daß unser Partner alles für uns sein müßte – und müssen auch selbst nicht mehr alles für unseren Partner sein. Wir sind frei dafür, mehr wir selbst zu sein und unsere Liebe, unabhängig von begrenzenden Vorstellungen, vielen anderen Menschen gegenüber auszudrücken.

„Polyamorie bedeutet, daß du deine(n) Partner zu wenig liebst.“

In unserer Kultur herrscht die Meinung vor, daß Liebe nur begrenzt vorhanden sei. Unbewußt gibt es da oft eine quantitative Sichtweise: Ich habe im Idealfall 100 Prozent deiner Liebe; wenn du nun romantische Gefühle für einen anderen Menschen entwickelst, heißt daß, daß mir eine bestimmte Prozentzahl davon weggenommen wird. Ich bin also verletzt, weil ich annehmen muß, daß du mich nicht mehr liebst. Interessanterweise gilt diese Sichtweise im Allgemeinen für romantische Beziehungen – wenn’s um Freunde oder Familienmitglieder geht, wird das schon nicht mehr so eng gesehen.

Unsere Meinung ist, daß Liebe im Überfluß vorhanden und nicht quantitativ gemessen werden kann. Unsere Erfahrung ist, daß sich die Liebe im Gegenteil sogar vermehrt, je mehr davon wir zulassen.

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„Polyamorie ist nur was für promiskuitive Menschen, die Angst vor echter Nähe und Intimität haben.“

„Ihr seid doch nur aufs nächste sexuelle Abenteuer aus. Euch geht’s doch nur darum, mit möglichst vielen Menschen zu vögeln, weil Ihr tiefe Gefühle vermeiden wollt.“ – Wir haben aufgehört zu zählen, wie oft wir diesen Vorwurf schon gehört haben. Und er trifft sicher auf einige Menschen zu (sowohl auf Polys als auch auf Monos) … doch Polyamorie funktioniert auf Dauer nur mit einem erheblichen Ausmaß an Vertrauen, Kommunikation, Commitment, Einfühlungsvermögen, Respekt und Ehrlichkeit.

Was wir auch schon öfters gehört haben, ist die Ansicht: „Ihr habt doch einfach keine Selbstachtung … sonst würdet ihr euch ja nicht jedem an den Hals werfen“. – Tun wir auch nicht. Damit Beziehungen (egal, ob Mono oder Poly) funktionieren, braucht’s unserer Meinung nach immer einen gesunden Selbstwert. Bevor wir uns nicht selbst annehmen und lieben, ist eine Partnersuche erfahrungsgemäß eher selten vielversprechend.

Wir sind uns nicht sicher, ob Polys tatsächlich mehr Sex haben als Monos (der Tag hat für alle nur vierundzwanzig Stunden). Unsere Erfahrung ist: Ja, durch Polyamorie kann es zu sexuellen Aktivitäten mit mehreren Menschen oder Gruppensex kommen, und ja, das kann einen Heidenspaß machen – aber es geschieht im Idealfall auf eine hoch kommunikative Art und Weise, und nur mit dem Wissen und der Zustimmung aller Beteiligten und unter der Achtung und Wahrung ihrer emotionalen Grenzen … ganz ehrlich: Wenn’s nur um hemmungsloses Rumvögeln ginge – das könnte man wesentlich einfacher haben!

„Polyamorie ist nur was für Menschen, die entweder so abgestumpft oder so erleuchtet sind, daß sie keine Eifersucht empfinden.“

Niemand verlangt, daß man als polyamorer Mensch nicht mehr eifersüchtig sein dürfte. Allerdings wird großer Wert darauf gelegt, seine Emotionen nicht zu verleugnen, sondern sich verantwortungsvoll mit ihnen zu konfrontieren. Wir verstehen Eifersucht als hochintelligenten, individuellen Schutzmechanismus, der eine psychologisch folgerichtige Funktion erfüllt. Diese zu verstehen ist nicht nur möglich, sondern kann sogar spannend sein wie ein Krimi.

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Eifersucht zu vermeiden ist also nicht das Ziel – entscheidend ist, wie wir auf sie reagieren. Und das macht uns souveräner und wirkt sich meist auch auf andere Lebensbereiche aus. Was nicht heißt, daß Polys per se die besseren (Beziehungs-)Menschen wären. Mißverständnisse und Verletzungen kommen in polyamoren Beziehungen genauso vor wie in monogamen und sie können genauso in die Brüche gehen. In keinem Fall gibt’s eine Zauberformel, welche die langfristige, harmonische Beziehung garantiert. Jede Beziehung ist einzigartig wie die Individuen in ihr ihr.

Polyamorie – viele Köche, ein Brei?

Polyamorie polarisiert. Nicht nur in Bezug auf Außenstehende und die Auseinandersetzung mit ihnen, sondern auch innerhalb der „Poly-Community“. Gibt es „die“ Polyamorie? Und sollte man sich für die eigene L(i)ebensart rechtfertigen?

Es ist ein schmaler Grat zwischen Erklärung und Rechtfertigung. Das wissen auch oder gerade Menschen, die in offenen Beziehungsstrukturen leben und sich trauen, daraus kein Geheimnis zu machen. Für viele polyamor lebende ist das Thema „Outing“ daher kein leichtes, denn plötzlich kann man sich unter Umständen in der beklemmenden Situation wiederfinden, sich rechtfertigen zu müssen. Aber ist das tatsächlich so?

„Poly-Outing“?

Wenn sogar die Rechtschreibkorrektur das Wort „Polyamorie“ nicht kennt (Polygamie dagegen schon), kann man sich vorstellen, wie schwer es Außenstehenden fallen mag, das Konzept vorurteilsfrei nachzuvollziehen. Und gerade dann, wenn sich der Outende selber noch stark im Prozess mit seinen eigenen Ängsten und etwaigen noch nicht eingestandenen Zweifeln befindet, kann er (oder sie) sich ziemlich leicht in Rechtfertigungen verirren.

Es gibt Menschen, für die ist das alles überhaupt kein Problem. Sie sind selbstbewusst und vielleicht auch dickköpfig genug, sich auch gegen große Widerstände von außen durchsetzen zu können und daraus vielleicht sogar noch viel Energie zu ziehen. Andere haben da schon größere Schwierigkeiten.

Die Vorstellungen anderer …

Es kann extrem herausfordernd sein, sich den Projektionen anderer zu stellen. Projektionen deshalb, weil es neben dem allgemeinen Unverständnis gegenüber der Polyamorie an sich auch Menschen gibt, die ihre eigenen negativen Vorstellungen darin verwirklicht sehen: „Ihr wollt doch nur fröhlich durch alle Betten hüpfen!“ – das ist einer der Sätze, die einem da schnell begegnen können. Dabei spielt das Gegenargument keine Rolle, dass man so etwas heutzutage nämlich deutlich leichter haben könnte als in polyamoren Beziehungen – die ja gerade auf einer innigen Verbindung mit (zuweilen anstrengendem) großem kommunikativen Anteil basieren.

Sodom und Gomorrha?

Man kann sich natürlich vorstellen, dass Polyamorie für manch Einen alle Alarmglocken schrillen lässt. Besonders, wenn er oder sie sich selbst Dinge nicht zugestehen kann oder will (vielleicht sogar, ohne sich dieser Dinge bewusst zu sein) und dann all die eigenen gedanklichen Phantome da hinein projiziert: Offene Beziehungen können gar nicht funktionieren. Da geht es doch nur um Sex. Das ist doch moralisch verwerflich. Und so weiter und so fort.

Wenn es nun aber die eigene Familie oder enge Freunde sind, die einem so begegnen? Was, wenn die eigenen hehren Ideale, die man innerhalb seiner Liebesbeziehung(en) verwirklichen will, einfach nicht gesehen werden? Und die eigene Vision von „grenzenloser Liebe“ mit all ihren persönlichen und gesellschaftlichen Implikationen fortlaufend zerredet oder verzerrt wird?

Polyamorie? – Aber bitte ohne Spiritualität!

Gerade in den zahlreichen Gruppen und Foren zu Polyamorie im Netz gibt es dann noch die immer wieder heiß aufflammende Diskussion über die vorhandene bzw. nicht vorhandene spirituelle Dimension des polyamoren Beziehungskonzepts.

Gibt es eine (verborgene) Wertung zwischen spirituell und nicht-spirituell gelebter Polyamorie? Das ist vermutlich eine Frage des eigenen Standpunktes – wie so oft, wenn es um Weltanschauungen geht. Es gibt die einen, für die nonmonogame Beziehungen rein gar nichts mit der Ausübung eines wie auch immer definierten spirituellen Hintergrunds zu tun hat. Und die anderen, die sich ohnehin in vielerlei Hinsicht abseits des Mainstreams bewegen und für die sich innerhalb der Polyamorie ein „größeres Bild“ niederschlägt.

Natürlich braucht jemand, der polyamor lebt, keinen „spirituellen Überbau“ dazu. Man muss nicht auf der Suche nach seinen Seelenpartnern sein und auch keine religiösen Traditionen verfolgen. Aber in einem etwas weiter gefassten, undogmatischen Sinn kann man natürlich etwas „Spirituelles“ darin sehen: Die Überwindung vom Gedanken der Trennung, der für viele „spirituell angehauchte“ zentral ist und eben auch in diesen neuen Beziehungsmodellen zum Ausdruck kommt.

Polyamorie – ein weites Feld

Wie schon Effi Briests Vater so treffend für die Liebe formulierte: „Es ist ein weites Feld“. Und überall dort, wo Grenzen verwischen und neue Wege beschritten werden, bilden sich bald Subkulturen mit ganz eigener Ausrichtung. Die Polyamorie ist ein Paradebeispiel dafür, wenn man sich ansieht, in wie kurzer Zeit sich hier neue Kategorien im Denken heraus gebildet haben. Dafür sprechen allein schon die sprachlichen Einteilungen, die man zum Stichpunkt „Polynormativität“ antreffen kann.

Sind Rechtfertigungen gerechtfertigt?

Soll man sich überhaupt zu Rechtfertigungen verleiten lassen? Gerade, wenn es einem so sehr am Herzen liegt, verstanden zu werden, scheint die Erklärungsnot oft am größten zu sein. Je emotionaler das Thema für einen ist, desto schneller lässt man sich wohl zu leidenschaftlichen Diskussionen hinreißen. Ob Rechtfertigungen gerechtfertigt sind – das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ganz so, wie es auch mit der Spiritualität ist. Man kann sich aber im Hinterkopf behalten, dass die lauten Stimmen im Außen vielleicht nur das Echo der eigenen Zweifel sein könnten und sich fragen, ob die Diskussionen mit anderen eventuell ein Spiegel der eigenen (inneren) Konflikte sein könnte.

Plädoyer für Herzensangelegenheiten

Die Suche nach Widersprüchen und den sogenannten Haken bei der ganzen Sache kann für alle Beteiligten überaus anstrengend sein und sicherlich kann man bei etwaigen Haarspaltereien das größere Ganze, wozu nämlich auch die uns verbindenden Aspekte gehören, aus den Augen verlieren.

Unsere größte Angst ist nicht, unzulänglich zu sein.
Unsere größte Angst ist, grenzenlos mächtig zu sein.
Unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, ängstigt uns am meisten. (…)

– Marianne Williamson

Eifersucht – ein gefährlicher Cocktail

Eifersucht hat viele Gesichter. Aber was genau ist dieses Gefühl und warum scheint es die Macht über uns zu haben, und uns bei Zeiten sogar regelrecht kontrollieren zu können? Eine Spurensuche.

Eifersucht als „Echtheitszertifikat“ der Liebe

Glaube den Leuten nicht, die behaupten, niemals eifersüchtig gewesen zu sein. Sie haben in Wahrheit nie geliebt.

So sagt ein Sprichwort. Und so ist es in den Köpfen Vieler fest verankert und kaum jemals hinterfragt worden. Eifersucht gilt landläufig als eine Leidenschaft, die zwar wehtun mag, einem in Liebes- und Beziehungsdingen dafür aber einen vermeintlichen Beweis für die Echtheit von Gefühlen liefert.

Eifersucht als „Kulturgut“

Eifersucht begegnet uns in unseren Leben schon sehr früh. Zum Beispiel in Form des kindlichen Liebesneides, den Erstgeborene erfahren, wenn sie die Zuneigung der Eltern plötzlich mit Geschwistern teilen müssen.

Aber auch später noch, in den zahllosen Hollywood-Dramen und Romantic Comedies, begegnet sie uns als normaler, unhinterfragter Bestandteil unseres Gefühlslebens. Und wir empfinden Sympathie und Verständnis für die Figuren auf der Leinwand, wenn sie sich in tiefste Depression hinein steigern oder in blinde Raserei verfallen.

Dadurch scheint uns, die Eifersucht sei Teil der Liebe. Als sei es immer schon so gewesen und als könne es nicht anders sein. Man denke nur an frühere Zeiten, in denen sich Gentlemen ganz selbstverständlich und einem strengen Regelkodex folgend im Morgengrauen zum Duell gegenüber standen. Tod inklusive.

Gerade Menschen in polyamoren Beziehungen kennen Eifersucht als Faktor für Unsicherheit und Ängste. Für viele ist sie einer der größten Stolpersteine auf dem Weg, die Beziehung zu öffnen. Für monogam Lebende ist das Schlagwort Eifersucht nicht selten das beste Argument, sich nicht auf unbekanntes Beziehungsterrain vorzuwagen: „Ich könnte mir das nie vorstellen … dafür wäre ich viel zu eifersüchtig!“

Hier kommt ein häufiges Mißverständnis zum Ausdruck: Polyamorie fordert überhaupt nicht, dass man nicht eifersüchtig sein dürfe – vielmehr geht es um die Bereitschaft, die Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen.

Eifersucht als Ausrede

Eifersucht ist eine Leidenschaft,
Die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. (Friedrich Schleiermacher)

Eine andere Sicht auf Eifersucht wird möglich, wenn man sie nicht länger, so wie es unsere Gesellschaft gemeinhin tut, als Liebesbeweis legitimiert. Aber was ist sie dann?

In unseren Augen handelt es sich dabei um eine Art emotionales Phantom. Denn „die“ Eifersucht gibt es gar nicht! Stattdessen subsumiert der Eifersüchtige gleich einen ganzen Cocktail an mehr oder weniger bewusst erlebten Gefühlen und verpasst diesem höchst individuellen Gemisch dann einfach den Aufkleber „Eifersucht“.

Eifersucht als Deckmantel

Wenn jemand sagt, er sei eifersüchtig, glauben wir auf der Stelle zu wissen, wovon er oder sie redet. In Wahrheit aber fühlt jeder etwas ganz eigenes; es ist nur so, dass wir uns kollektiv auf eine Schnittmenge geeinigt haben, die wir dann Eifersucht nennen. Aber warum?

Was sich im Geheimen dahinter versteckt, hat seinen Ursprung in Angst und letztlich in mangelnder Selbstliebe. Das Etikett „Eifersucht“ wird allgemein akzeptiert und als Zeichen der Liebe umgedeutet, um sich vor dem zu schützen, was sich tatsächlich hinter ihr verbirgt.

Und in vielen Fällen ist es einfacher, diese negativ empfundenen Gefühle zu externalisieren und auf den Partner zu projizieren, anstatt sich mit den eigentlichen Ursachen auseinander zu setzen, die ihre Wurzeln bis in unsere ersten Lebensjahre zurück erstrecken.

Was die Eifersucht eigentlich verkörpert, ist Angst, die als existenziell bedrohlich empfunden werden kann, die Furcht davor, verlassen zu werden und ein tief empfundener Mangel in der Liebe zu sich selbst. Der oder die Partner sind nur die Auslöser oder Trigger, nicht aber der wahre Ausgangspunkt. Und genau deshalb kann man ihr auch nur wirklich beikommen, wenn man sich sich selber zuwendet und aufhört, die Schuld beim Gegenüber zu suchen.

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