Von Konventionen und (Tisch-)Sitten

Über unverstandene Eßstäbchen, teuflisches Besteck und was die Gabel mit Polyamorie zu tun hat

Vor kurzem bin ich im Netz über diesen Cartoon gestolpert; ich mag, wie unvermittelt er (manchmal oft auch unbewußte) homophobe Ignoranz aufzeigt:

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Das Messer deklariert die Beziehung der Eßstäbchen vielleicht nicht (mehr) als „unnatürlich“, aber es geht davon aus, daß sie in gewisser Weise seinem Bild von einer Beziehung entsprechen müßte. Das stellt auch gut dar, wie ich manche Reaktionen auf meinen polyamoren Lebensstil erlebe: „Das ist ja abnormal“, „Das hat doch schon bei den 68ern nicht funktioniert“, „Zweierbeziehungen sind halt einfach so vorgesehen“ u. Ä. (vergleiche dazu auch die zweite Hälfte dieses Artikels) …

In unserer Gesellschaft legen wir ja generell Wert darauf, einen Sachverhalt aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten zu können und finden es wichtig, Alternativen zur Verfügung zu haben. Doch wenn es um Beziehungen geht, scheint es im Denken und Fühler vieler Menschen oft nur eine einzige „richtige“ Art und Weise zu geben, wie sie gelebt werden können oder sollen – nämlich als (serielle) Monogamie. Das kommt meiner Meinung nach einem emotionalen Einparteiensystem gleich. Nichtmonogame Beziehungsformen werden dann allenfalls als befremdliche Modifikationen des vorherrschenden Lebensentwurfs gesehen, nicht aber als eigenständige und ebenbürtige Modelle.

Die freundliche Haltung der Gabel in diesem Cartoon hat mich zu einer weiteren Überlegung geführt: Ein Eßbesteck besteht bei uns üblicherweise aus Löffel, Gabel und Messer, nicht wahr? Wir würden davon ausgehen, daß auf dem Tisch etwas fehlt, wenn etwa nur Löffel und Messer aufgedeckt würden. Dabei hat sich die Gabel tatsächlich erst im bürgerlichen Europa des 19. Jahrhunderts durchgesetzt! Davor wurde nur mit Löffel und Messer gegessen – die Gabel wurde als etwas Unnatürliches betrachtet.

Zwar gab es schon Gabeln in der Antike, die zum Aufspießen von Fleisch und zum Vorlegen verwendet wurden, überwiegend wurde jedoch mit den Händen gegessen. Von Byzanz aus gelangte die Gabel im Frühmittelalter zu den Normannen und in der Spätrenaissance nach Italien. Im christlichen Mitteleuropa wurde sie aber als Symbol und Werkzeug des Teufels angesehen und daher nicht verwendet (in Klöstern war die Benutzung von Gabeln lange Zeit sogar ausdrücklich untersagt). Kirchenlehrer verurteilten diese neue, „weibische und gezierte“ Mode als „sündhafte Verweichlichung“. Erasmus von Rotterdam forderte: „Was gereicht wird, hat man mit drei Fingern oder mit Brotstücken zu nehmen.“ Und italienische Tischregeln vom Anfang des 17. Jahrhunderts wollten die Gabel samt und sonders verbannen: „Hat uns die Natur nicht fünf Finger an jeder Hand geschenkt? Warum wollen wir sie mit jenen dummen Instrumenten beleidigen, die eher dazu geschaffen sind, Heu aufzuladen als das Essen?“

cutlery

Immerhin: Wir haben nur zwei Arme und zwei Hände. Da ist es doch gewiß unnatürlich, von einem dritten Besteckbestandteil zu sprechen. Skandalös. Wie soll man denn bitteschön rechtschaffen und fair essen, wenn man ständig das Besteck wechseln muß? Und überhaupt: Wo soll das Ganze denn noch hinführen? Eines Tages kommen sie vielleicht gar auf die Idee, Teelöffel und Fischmesser einzuführen! Oder Tortenheber und Zuckerzangen … oder völlig abnormale Mischformen wie den Göffel (engl. Spork), Messer-Löffel-Kombinationen (Spife), Messer-Gabel-Kombinationen (Knork) und Kombinationen aus Messer, Löffel und Gabel (Schneidgöffel, Sporf)! Sodom und Gomorrha sind nichts dagegen!

Die Gabel kann in diesem Zusammenhang metaphorisch für Polyamorie stehen – als etwas, das lange Zeit als Sünde, Torheit oder zumindest Affektiertheit gesehen wurde, heute aber längst nicht mehr in Frage gestellt wird.

Das heißt natürlich nicht, daß Polyamorie etwas Besseres oder Weiterentwickelteres wäre (schließlich macht es ja auch Spaß, mit den Fingern zu essen und abgesehen davon gibt es Kulturen, die weder Löffel, Gabel oder Messer verwenden) … doch die Metapher verdeutlicht, daß Monogamie nicht das einzige Liebesideal sein muß und wie nichtmonogame Beziehungsformen als gleichwertige Modelle zu den üblicherweise praktizierten gesehen werden können.

die geliebten

Über unsere persönliche Sicht auf und Erfahrungen mit Polyamorie standen auch meine liebe Freundin Sky und ich kürzlich einem Kamerateam Rede und Antwort. Wir waren Interviewpartner für einen Handlungsstrang der ORF-Reportagereihe Am Schauplatz. Die Sendung über „Die Geliebten“ wird am 22. Oktober 2015 um 21:05 Uhr auf ORF 2 ausgestrahlt und ist danach sieben Tage als Video-on-Demand abrufbar und wird auch als Live-Stream in der ORF-TVthek angeboten.

Eifersucht – ein gefährlicher Cocktail

Eifersucht hat viele Gesichter. Aber was genau ist dieses Gefühl und warum scheint es die Macht über uns zu haben, und uns bei Zeiten sogar regelrecht kontrollieren zu können? Eine Spurensuche.

Eifersucht als „Echtheitszertifikat“ der Liebe

Glaube den Leuten nicht, die behaupten, niemals eifersüchtig gewesen zu sein. Sie haben in Wahrheit nie geliebt.

So sagt ein Sprichwort. Und so ist es in den Köpfen Vieler fest verankert und kaum jemals hinterfragt worden. Eifersucht gilt landläufig als eine Leidenschaft, die zwar wehtun mag, einem in Liebes- und Beziehungsdingen dafür aber einen vermeintlichen Beweis für die Echtheit von Gefühlen liefert.

Eifersucht als „Kulturgut“

Eifersucht begegnet uns in unseren Leben schon sehr früh. Zum Beispiel in Form des kindlichen Liebesneides, den Erstgeborene erfahren, wenn sie die Zuneigung der Eltern plötzlich mit Geschwistern teilen müssen.

Aber auch später noch, in den zahllosen Hollywood-Dramen und Romantic Comedies, begegnet sie uns als normaler, unhinterfragter Bestandteil unseres Gefühlslebens. Und wir empfinden Sympathie und Verständnis für die Figuren auf der Leinwand, wenn sie sich in tiefste Depression hinein steigern oder in blinde Raserei verfallen.

Dadurch scheint uns, die Eifersucht sei Teil der Liebe. Als sei es immer schon so gewesen und als könne es nicht anders sein. Man denke nur an frühere Zeiten, in denen sich Gentlemen ganz selbstverständlich und einem strengen Regelkodex folgend im Morgengrauen zum Duell gegenüber standen. Tod inklusive.

Gerade Menschen in polyamoren Beziehungen kennen Eifersucht als Faktor für Unsicherheit und Ängste. Für viele ist sie einer der größten Stolpersteine auf dem Weg, die Beziehung zu öffnen. Für monogam Lebende ist das Schlagwort Eifersucht nicht selten das beste Argument, sich nicht auf unbekanntes Beziehungsterrain vorzuwagen: „Ich könnte mir das nie vorstellen … dafür wäre ich viel zu eifersüchtig!“

Hier kommt ein häufiges Mißverständnis zum Ausdruck: Polyamorie fordert überhaupt nicht, dass man nicht eifersüchtig sein dürfe – vielmehr geht es um die Bereitschaft, die Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen.

Eifersucht als Ausrede

Eifersucht ist eine Leidenschaft,
Die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. (Friedrich Schleiermacher)

Eine andere Sicht auf Eifersucht wird möglich, wenn man sie nicht länger, so wie es unsere Gesellschaft gemeinhin tut, als Liebesbeweis legitimiert. Aber was ist sie dann?

In unseren Augen handelt es sich dabei um eine Art emotionales Phantom. Denn „die“ Eifersucht gibt es gar nicht! Stattdessen subsumiert der Eifersüchtige gleich einen ganzen Cocktail an mehr oder weniger bewusst erlebten Gefühlen und verpasst diesem höchst individuellen Gemisch dann einfach den Aufkleber „Eifersucht“.

Eifersucht als Deckmantel

Wenn jemand sagt, er sei eifersüchtig, glauben wir auf der Stelle zu wissen, wovon er oder sie redet. In Wahrheit aber fühlt jeder etwas ganz eigenes; es ist nur so, dass wir uns kollektiv auf eine Schnittmenge geeinigt haben, die wir dann Eifersucht nennen. Aber warum?

Was sich im Geheimen dahinter versteckt, hat seinen Ursprung in Angst und letztlich in mangelnder Selbstliebe. Das Etikett „Eifersucht“ wird allgemein akzeptiert und als Zeichen der Liebe umgedeutet, um sich vor dem zu schützen, was sich tatsächlich hinter ihr verbirgt.

Und in vielen Fällen ist es einfacher, diese negativ empfundenen Gefühle zu externalisieren und auf den Partner zu projizieren, anstatt sich mit den eigentlichen Ursachen auseinander zu setzen, die ihre Wurzeln bis in unsere ersten Lebensjahre zurück erstrecken.

Was die Eifersucht eigentlich verkörpert, ist Angst, die als existenziell bedrohlich empfunden werden kann, die Furcht davor, verlassen zu werden und ein tief empfundener Mangel in der Liebe zu sich selbst. Der oder die Partner sind nur die Auslöser oder Trigger, nicht aber der wahre Ausgangspunkt. Und genau deshalb kann man ihr auch nur wirklich beikommen, wenn man sich sich selber zuwendet und aufhört, die Schuld beim Gegenüber zu suchen.

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